Historiker und Sozialwissenschaftler sind sich einig – Fußball transzendiert Politik und Gesellschaft. Auch bei dieser Weltmeisterschaft haben sich einige genuin politische Themen herauskristallisiert. Nachdem die Teilnahme des Irans schon lange nicht mehr in Frage gestellt wird, bereitet der Umgang mit dem iranischen Präsidenten weiterhin Schwierigkeiten. Was tun, wenn sportliche und diplomatische Welten aufeinanderprallen? Ein Kommentar von Daniel Cohn-Bendit.
Ein Junge eigenartiger Gestalt sitzt ruhig in einem Bus voller Fans. Ein Heranfahren der Kamera lässt uns erkennen, dass es sich bei dem Jungen in Wirklichkeit um ein verkleidetes Mädchen handelt. In einem Land, in dem der Fußball ein ganzes Volk in seinen Bann versetzt, in dem aber zugleich den Frauen der Zutritt zu den Stadien verwehrt wird, ist sie nur eine von vielen, die sich von der allgemeinen Begeisterung hat anstecken lassen. Dies ist die erste Szene des iranischen Films « Offside » (« Abseits ») des Regisseurs Jafar Panahin, der bei der letzten Berlinale begeisert aufgenommen wurde und den Sonderpreis der Jury erhielt. Bevor sie das Stadion erreicht, wird die junge Frau jedenfalls in einen abgesperrten Bereich gebracht, in dem sich schon andere Frauen aufhalten, die ebenfalls bei ihrem Versuch gescheitert sind, sich ein Spiel lang als Männer auszugeben. Die Begegnung endet mit der Qualifikation des Iran für die Weltmeisterschaft, und am Ende feiern Unterdrücker und Unterdrückte gemeinsam den Einzug in die WM. « Offside » zeigt somit das Dilemma des modernen Iran : ist es besser, zu bleiben und zu dulden oder auszuwandern ?
Seit ihrer Ankunft in Deutschland stellt die iranische Nationalmannschaft die FIFA, die deutsche Regierung und die öffentliche Meinung vor ein großes Problem. Niemand stellt die Teilnahme an der Weltmeisterschaft noch in Frage. Wie ihre Fans und alle anderen Teilnehmer sind die Iraner « zu Gast bei Freunden » - entsprechend dem offiziellen Motto der WM. Sie verbringen die WM in einer schönen Unterkunft am Bodensee bei Friedrichshafen – welches dafür in die Rolle des erfreuten und bemühten Gastgebers schlüpft. Der sozialdemokratische Bürgermeister trennt augenscheinlich Sport und Politik. Wie seine Stadt respktiert er alle Religionen und scheint die überschaubare Invasion von bärtigen Männern und verschleierten Frauen unter WM-Folklore abzuhaken. Und wenn der iranische Präsident Ahmed Ahmadinedschad, der die Existenz des Holocaust oft und gern in Frage stellt, seine Spieler besuchen wollte ? Würde er mit Fanfarenstössen von der Notabilität des Ortes begrüßt werden ? Der Bürgermeister lässt diese Frage unbeantwortet – sie stellt sich ihm momentan nicht. Mit der gleichen Frage schlägt sich aber auch die Regierung in Teheran herum – ist doch Deutschland dort als ein Land angesehen, das den Shah und seine autoritäre Politik der Annäherung an den Westen unterstützt hatte. Ungeachtet dessen ist die wirtschaftliche Verflechtung beider Staaten schon immer sehr hoch gewesen. Aus diesem Grund bemüht sich Deutschland, im Atomstreit einen Kompromiss zwischen Völkerrecht und der iranischen Forderung nach Urananreicherung zu finden. Teheran weiß, dass es auf Deutschland angewiesen ist, ganauso wie Deutschland sich bewusst ist, dass es in dieser Region mit den anderen Europäern Verantwortung übernehmen muss. Die iranische Nationalmannschaft ist den Deutschen außerdem nicht unbekannt – fünf Nationalspieler spielen oder spielten in der Bundesliga. Nur wohin mit dem hinderlichen Präsidenten ? Einige Europaabgeordnete regen an, ihn in Deutschland zu einer persona non grata zu erklären. Allerdings muss Deutschland in der Ausrichtung der Weltmeisterschaft die Rechtsprechung der FIFA berücksichtigen : allen offiziellen Repräsentanten einer qualifizierten Mannschaft muss der Zutritt zu den Stadien und zu den Ehrenlogen gewährt werden.
Parteien aller politischen Lager, Gewerkschaften und die jüdische Gemeinschaft haben in Nürnberg, am Austragungsort des ersten Spiels der iranischen Mannschaft, demonstriert. Ihre Parole: « Ja zum Iran und zu seinem Volk ! Nein zu seinem Präsidenten ! » Bis dahin ist diese Geschichte nicht ungewöhnlich – doch sie gerät zur Grotesken, weil die extreme Rechte sich einmischt. Am 17. Juni treffen der Iran und Portugal aufeinander. Am 17. Juni 1953 haben russische Panzer dem Arbeiteraufstand im Osten Berlins ein brutales Ende gesetzt. Für die extreme Rechte eignet sich dieses Datum daher auf wundersame Weise für ein recht ungewöhnliches Gedenken. Die Mischung aus Anti-Amerikanismus, Anti-Zionismus und Negationismus des iranischen Präsidenten imponiert den Rechtsextremen, die deswegen zu einer Solidaritätbekundung mit dem iranischen Volk aufruft – im Sinne eines vereinten Kampfes gegen den amerikanischen Imperialismus und den jüdischen Lobbyismus. Die politischen und religiösen Organisationen rufen nun ihrerseits und am gleichen Tag zu einer Demonstration gegen die gemeinsamen Machenschaften der Holocaust-Leugner auf. Die Sicherheitsdienste werden sich freuen. Spannung ist garantiert, auf den Straßen wie im Stadion. Zwei Großereignise bei einer Weltmeisterschaft !
Seit Monaten hetzen diese aggressiven und rassistischen Rechtsextremen nun schon gegen die farbigen Spieler der deutschen Vereine, die dort ungeachtet dessen sehr erfolgreich sind und bis in den Kader der Nationalelf aufsteigen – wie etwa Odonkor und Asamoah. Die rechtsextreme Szene hingegen träumt weiterhin von der Begegnung Deutschland - Iran, wenn möglich im Finale, um ihr neues Idol anfeuern zu können. Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.
Und wie ergeht es der Weltmeisterschaft in dem ganzen Theater? Es geht ihr gut. Die Party geht weiter, und der fußballbegeisterten Bevölkerung sind diese politischen Überlegungen gleichgültig. Der Bus der iranischen Nationalmannschaft « Sterne Persiens » bahnt sich gelassen seinen Weg durch harmlos-herzliche Fanmassen. Der Präsident bleibt zu Hause und die iranische Mannschaft spielt vor einem gemischten Publikum. Allem Anschein nach schlägt sich die iranische Mannschaft gar nicht schlecht. Stellen wir uns zum Abschluss noch einmal Ahmed Ahmadinedschad in der Ehrenloge vor, umringt von tanzenden Brasilianerinnen, Mexikanerinnen, Französinnen und Deutschen – in einer Direktübertragung des iranischen Fernsehens. Wenn einige auch Gefahr liefen, auf der Stelle einen Herzinfarkt zu bekommen – das iranische Volk wäre selig!