Karneval oder Barbarei ?

L'Equipe Magazine, 05.06.2006

Die Welt wird immer unübersichtlicher und komplexer. Auch im Fußball ist nichts mehr, wie es einst war - als die Wundermannschaft von Bern die Herzen der Deutschen erstürmte. Der Fußball gleicht immer mehr einem Janusgesicht: auf der einen Seite die ehrliche Begeisterung der Fans und die gemeinsame Freude an Sport und Spiel, auf der anderen die Schattenseiten eines kommerziellen und politisch nicht immer korrekten Großereignisses. Müssen wir deswegen auf unsere Hoffnungen und Träume verzichten? Eine Antwort und ein Kommentar von Daniel Cohn-Bendit.

Es ist soweit ! Die Fußballweltmeisterschaft dürfte es den Deutschen erlauben, endlich wieder Gefühle zu zeigen und sich neuer Lebensfreude hinzugeben. Ein Fußballfest für Deutsche und Fans aller Herren Länder in vereinter Begeisterung, denen kein größeres Unheil droht als das Ausscheiden der einen oder der anderen Fußballmannschaft

Es ist also alles bestens in der besten aller Fußballwelten? Keineswegs. Die Begeisterung für den Fußball geht mit einer tiefsitzenden, immer wieder an die Oberfläche hervorbrechenden Angst einher. Im ganzen Land, und insbesondere im Osten Berlins sowie in den neuen Bundesländern gibt es Orte, die als « No-go-Areas » charakterisiert werden. Dieser von den Medien aufgegriffene Ausdruck bezeichnet nichts Geringeres als Gegenden, die Menschen dunklerer Hautfarbe « unbedingt abzuraten » sind. In Potsdam wurde etwa ein Deutscher äthipischer Herkunft von zwei Skinheads brutal zusammengeschlagen. Im ehemaligen Ostteil Berlins fand sich ein türkischstämmiger Abgeordneter im Krankenhaus wieder, nachdem ihn eine Gruppe kahlgeschorener Nazis mit abgebrochenen Flaschenhälsen angegriffen hatte. In einer anderen Stadt, in Wismar, wurde eine vietnamesische Gesellschaft von einer stark angetrunkenen Jugendgruppe gestürmt. Deutsche Journalisten dunklerer Hautfarbe berichten schon seit geraumer Zeit, dass sie die ostdeutschen Landen meiden – geschweige denn ausgerechnet dort mit ihren Kindern spazieren gehen.

Der Fußball hat ein Janusgesicht – seine Begleiterscheinungen sind ambivalent. Es ist eine Welt, in der Erhabenheit und Grausamkeit gleichermaßen Bestand haben – Solidarität und Gemeinschaft ebenso wie Nationalismen, Hass und Barbarei. Wo werden die Hooligans aus Polen, England, Holland, Deutschland, Tschechien und Frankreich auf einandertreffen? In Steinbrüchen ? In Wäldern ? Oder in den Strassenzügen rings um die Stadien, die Übertragungsorte mit ihren Riesenleinwänden, die Bahnhöfe oder die Bordelle ? Auch die Erinnerung an München 1972 ist allgegenwärtig. Die Bilder der palästinensichen Terroristen mit den israelischen Geiseln hat das kollektive Gedächtnis stark geprägt. Die Angst vor einem Selbstmordattentat oder einem Bombenanschlag an einer deutschen Spielstätte ist weit verbreitet. Können wir uns des Fußballs also gar nicht freuen?

Die Antwort ist selbstverständlich negativ. Das Feiern hat begonnen. Die Schattenwesen, die das andere Janusgesicht hervorruft, werden erfolgreich verschoben und verdrängt. Gleich einem Kind, das sein Geischt in beiden Händen versteckt, um ein mögliches Unheil nicht sehen zu müssen, gibt sich Deutschland seiner Fußballbegeisterung hin. Eine Woche vor der Eröffnung der Weltmeisterschaft haben in Frankfurt mehrere Hunderttausende in betäubend-ruhiger Einigkeit an der gigantischen Ton- und Lichtshow « Emotions United » teilgenommen, bei der die gesamte Geschichte der Weltmeisterschaft an die Frankfurter Wolkenkratzer projiziert wurde. Seit Monaten bereitet sich Deutschland darauf vor, diese Weltmeisterschaft als Gemeinschaftsrelebnis zu stilisieren. Ob in Frankfurt oder Hamburg, in Berlin oder München, überall haben die Deutschen die Internetseiten der FIFA gestürmt, um Karten für die Spiele zu bekommen. Allein aus Deutschland sind bei der FIFA mehr als 10 Millionen Anfragen eingegangen! Auf der einen Seite die Stadien mit ihren nunmehr geschlossenen Kassenhäuschen, auf der anderen die 800 im ganzen Land verteilten Übertragungsorte mit den Riesenleinwänden, die mindestens ebenso Anhänger des multikulturellen Fußballs anziehen. Nicht zu vergessen die Arenen mit einer Kapazität von mehreren zehntausend Besuchern, die in allen größeren Städten aus dem Boden gestampft werden und die es den Fans aller Mannschaften erlauben, sich auch weitab vom Stadion der eigenen Elf nah zu fühlen. Das direkte Spielerlebnis bleibt daher nicht den happy few im Stadion vorbehalten – bis zu eine Million Aficionados werden vor den Leinwänden erwartet. Auch jenseits der großen Städte erlahmt die kollektive Fußballbegeisterung keineswegs – in mittelgrossen Orten wie Celle und Rotenburg wurden die WM-Neulinge Angola und Trinidad-Tobago von mehreren tausenden Fußballbegeisterten Willkommen geheissen. Der anhaltende Enthousiamus beschränkt sich daher nicht nur auf die eigene Mannschaft, sondern ist übergreifend und gemeinschaftlich. Ungeachtet des euphorisierten Ausnahmezustandes behalten die Nationalspieler einen kühlen Kopf. Ihr Glaube an die Mannschaft ist unerschütterlich, und Nationaltrainer Jürgen Klinsmann – auch Klinsi genannt – ist in weniger als einem Jahr zu dem Symbol einer modernen und offensiven Fußballkultur geworden. Das sagt viel aus über eine Gesellschaft, die sich in der Regel durch einen Hang zu Sicherheit und Vorsicht auszeichnet. Hat Konrad Adenauer nicht seine Wahlen immer wieder mir dem gleichen Slogan gewonnen: « Keine Experimente! »?

Immerhin – die Deutschen beweisen auch bei dieser Weltmeisterschaft eine gewisse vorausschauende Vorsicht. Das demütigende Beispiel des vorzeitigen Ausscheidens Frankreichs in der Vorrunde 2002 hat nicht nur die französischen Fans verunsichert. Viele bereiten sich deswegen darauf vor, im Bedarfsfall auch einer anderen Mannschaft zuzujubeln. So bekunden die Deutschen aufrichtige Sympathiebekundungen für kleinere Mannschaften, die sich ihrer Begeisterung würdig erweisen könnten, falls die deutsche Mannschaft den Erwartungen nicht gerecht wird. In den großen Stästen wie Berlin und Frankfurt, deren Bevölkerungsstruktur durch eine hohe Immigrationsrate geprägt ist, bleibt Brasilien der große Favorit. In den westlichen Grenzregionen gelten Frankreich und Holland als Favoriten. Die Jüngeren begeistern sich für afrikanische Mannschaften wie die Elfenbeinküste oder Ghana. Auch die italienische Mannschaft hat ungeachtet ihrer Korruptionsskandale viele Anhänger – zumeist handelt es sich allerdings um Anhängerinnen. Aber auch den Engländern werden, nicht zuletzt dank David Beckham, grosse Chancen eingeräumt. Die Intelltuellen und die Anhänger alternativer Bewegungen hingegen halten sich sehr bedeckt und versuchen, den Eindruck eines noch so harmlosen Patriotismus im Ansatz zu ersticken. Die Feuilletonseiten der grossen Zeitungen ergehen sich daher in einer nicht abreißenden Debatte über historische Verantwortung und Recht auf Patriotismus.

Doch selbst wenn die deutsche Mannschaft vor dem Erreichen des Titels ausscheiden sollte, besteht Grund zur Hoffnung, dass die Feierlaune davon unbeschadet bleibt – denn schließlich sind wir alle Fußballbegeisert, ob es sich nun um afrikanischen, latein-amerikanischen oder europäischen Fußball handelt.

In jedem Fall hat dieser Sommeranfang etwas von einem ununterbrochenen Karneval. Und die Angst ? Verdrängt! So hoffen und träumen wir gemeinsam!