Die Erweiterungsbegeisterung und der unerschütterliche Glaube an die Integrationsfähigkeit Europas hat es zunehmend schwer, sich zu behaupten. Die verpasste Chance der Vertiefung, die gescheiterten Referenden in Frankreich und den Niederlanden, jähren sich, ohne dass ein Ausweg aus der Verfassungskrise gefunden wäre. Der Rückzug in nationale Denkmuster wird durch diffuse Wirtschaftsängste und eine anhaltende Debatte über Parallelgesellschaften in den Nationalstaaten begünstigt. Und ohne eine klare Zielvorstellung stellt sich auch die Frage nach den Grenzen der Europäischen Union bei jeder Erweiterung von neuem.
Wer sich die Zukunft erschließen möchte, tut gut daran, auch einen Blick zurückzuwerfen. Die europäische Integration ist, ungeachtet aller Rückschläge, eine beispielslose Erfolgsgeschichte. Die Osterweiterung von 2004 verweist nicht nur auf die Anziehungskraft der Europäischen Union, sondern bedeutet, 15 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, die endgültige Überwindung der politischen Folgen des kalten Krieges. Die Erweiterung trägt deshalb Züge einer europäischen Vereinigung.
Die historische Notwendigkeit hat die Erweiterung nicht vor Zweifel und Widerspruch bewahrt. Alle Beitrittsverhandlungen waren bisher von einer lebhaften Debatte über die Erweiterungsfähigkeit der Europäischen Gemeinschaft begleitet - selbst wenn aus der Distanz der bewältigten Erweiterungen und angesichts der aktuellen Erweiterungsdebatte die skeptischen Zwischentöne der Vergangenheit manchem wie verhaltener Applaus erscheinen mögen. Jede neue Erweiterung verdrängt die Erinnerungen an die vorherige, und die zähen Diskussionen um Nord-, Süd- und Osterweiterungen interessieren heute allenfalls noch die Historiker - denn mittlerweile begehren neue Kandidaten an der europäischen Pforte Einlass.
Die Beitrittsverhandlungen mit Rumänien und Bulgarien laufen, und auch Kroatien ist anerkannter Beitrittskandidat. Nicht zu vergessen die Türkei, deren möglicher Beitritt kein Öl im Feuer ist, sondern ein ganzes Pulverfass. Die Debatte wird in allen Registern geführt, es geht um wirtschaftliche Integration, Kompatibilität der Religionen, politische Verträglichkeiten, geographische Lage - kaum ein Thema, das nicht als Argument mobilisiert werden könnte.
Was tun angesichts so viel Zweifel und Verzagtheit ? Erweitern, vertiefen, aussetzen, nachdenken? Erweitert sich die EU um Sinn und Verstand oder unternimmt sie den notwendigen Schritt zur Stabilisierung des europäischen Kontinents? Und kann es Alternativen zu Erweiterungen geben ?
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Über all diese Fragen diskutiert Daniel Cohn-Bendit mit seinen Gästen: