1972 : Das goldene Zeitalter des deutschen Fuβballs

L'Equipe Magazine, 31.03.2006

Fussball in Deutschland Anfang der 70er Jahre: Wie sich der Geist der Revolte bemerkbar macht und die deutsche Spielweise beeinflusst.

Auch ohne Lügendetektor gestehe ich: ich war noch nie ein groβer Anhänger des deutschen Fuβballs. Der unbedingte Wille zum Sieg, die Fähigkeit, sich im Team zu behaupten und genau im richtigen Moment zur « Mannschaft » zu werden, mochte die Berichterstattung in Entzücken versetzen – Fans und Spieler der gegnerischen Mannschaft versetzte es allenfalls in Ungläubigkeit und Schrecken. Die launische Bemerkung des Engländers Garry Linnaker, « Fuβball ist ein Sport für 22 Spieler, und am Ende gewinnen immer die Deutschen » erschien mir deswegen durchaus einleuchtend. Doch selbst der deutsche Fuβball wurde in den Sechziger Jahren durch die moralischen und kulturellen Umwälzungen erheblich erschüttert.

In dieser Zeit fühlte ich mich wohl in den Fankurven des Frankfurter Waldstadions, inmitten meiner von unserer Umsturzmanie faszinierten oder auch entnervten Mitmenschen. Ungeachtet dessen waren wir fähig zur gemeinsamen Begeisterung, wir harrten dem geringsten Zeichen des Aufbruchs einer jungen Generation, die sich anschickte, die Welt des Fuβballs zu verändern – und das nicht auf der hiesigen Seite des Rheins. Der Hedonismus, die Forderung nach Unabhängigkeit, das subtile Spiel mit der Provokation hielten Einzug in die autoritären und paternalistischen Vereine der Bundesrepublik. Ich sehe Günther Netzer vor mir, vor seinem neuen Ferrari posierend, oder auch Paul Breitner, abgeklärt, cool und langhaarig, wie er ein Mao-Portrait auf seinen Volkswagen klebt, sich gegen das autoritäre Joch seines Vereins aufschwingt und Frieden in Vietnam einklagt. Ein Geist der Revolte fegte über den Fuβball und rüttelte an den Grundfesten des klassizistischen Spiels. Die überschaubare Welt des Fuβballs wurde von der Modernität des antiautoritären Denkens erfasst und begann sich im Rhythmus der Gesellschaft und im Einklang mit den vorangetriebenen Veränderungen und Neuerungen zu entwickeln. Mit nur ein wenig Unaufrichtigkeit kann ich von mir behaupten, mich inmitten der Fuβballfans wie ein Fisch im Wasser gefühlt zu haben. Wir hatten unsere Gesellschaftsalternative schlieβlich in die Sitzreihen der Stadien verlagert. Wir hatten die Idee verworfen, die sportliche Glückseligkeit liege nur im Kollektiv und in der Selbstverleugnung. Junge Ballkünstler und eingeschworene Individualisten bewiesen auf dem Feld eine deutsche Form der « Allegria », welche in der zeitgenössischen Presse als « Ramba-Samba-Fuβball » beschrieben wurde – als eine undeutsche Verbindung von Rambo und Samba. Die Kombination von Ballkunst und physischer Ausdauer verliehen dem deutschen Fuβball eine Leichtigkeit, die auf der diesseitigen Seite des Rheins bis dahin undenkbar gewesen war.

César Menotti, einer dieser Wundertrainer, der Argentinien zu seiner ersten Weltmeisterschaft geführt hatte, war der Ansicht, es gebe einen linken und einen rechten Fuβball. Der linke gehe einher mit Kunst, Inszenierung, Individualismus und offensivem Spiel. Der rechte mit Stärke, kollektiver Verteidigung und einer repressiven Spielart. Wenn man der Theorie Menottis Glauben schenkt, erging es der deutschen Mannschaft nicht anders als der deutschen Gesellschaft: sie hatte einen entscheidenden Linksruck erfahren. Die deutsche Mannschaft der Europameisterschaft 1972 : Günter Netzer, der wehenden Haares über das Spielfeld flog und gelegentlich sein fuβballerisches Genie in einer präzisen Eröffnungsflanke offenbarte ; Wolfgang Overath, begnadeter Linksfuβ und bessere Hälfte Günter Netzers ; Paul Breitner, das Vorbild aller attackierenden Verteidiger, dem der Ball am Fuβ zu haften schien, wenn er eines Irrlichts gleich aus dem eigenen Strafraum in die gegnerische Hälfte schoss. Nicht zu vergessen die neue Spielweise: die Verteidigung mit einem Libero, der in sich offensives und defensives Spiel vereint, ersonnen und bis zur Perfektion verkörpert von seiner zukünftigen Kaiserlichkeit Franz Beckenbauer.

Der Erfolg des deutschen Teams vom Anfang der Siebziger Jahre beruhte auf einem wundersamen und fragilen Gleichgewichtsprinzip – auf der Fähigkeit einiger herausragender Spieler, zugleich das Spiel zu führen und sich der Mannschaft zur Verfügung zu stellen. Leider mussten Netzer und Overath der aktiven Bühne des Fuβballs aus Altersgründen schon allzu bald den Rücken kehren.

Die goldene Ära des deutschen Fuβballs in seiner erstklassigen technischen Prägung war nur von kurzer Dauer. Der träumerische Tanz des deutschen Ramba-Samba währte nur einen Frühling lang. Beckenbauer – « galaktisch », noch ehe der Begriff existierte – nahm sich des deutschen Fuβballs an. Das Zeitalter einer neuen Fuβballsaga brach an, die Weltmeisterschaft 1974 warf ihre Schatten voraus. Eine neue deutsche Mannschaft, wie sie traditioneller nicht hätte sein können, verschaffte sich ihren Weg zum Glück. Aber dies ist eine andere Geschichte - ein Schelm, wer Böses dabei denkt.