Islam in Europa

Diskussion zwischen Tariq Ramadan und Daniel Cohn-Bendit

Am 29. März fand eine Diskussion über den Islam in Europa mit Daniel Cohn-Bendit und dem Islamwissenschaftler Tariq Ramadan im Europäischen Parlament statt. Das Tondokument der Debatte steht Ihnen in französischer und englischer Sprache (Simultanübersetzung) zur Verfügung.

Die kulturellen Missverständnisse und solche, die man dafür hält, häufen sich. Die unterschiedlich wahrgenommene Diskussionen um die neue Hamas-Regierung, um den iranischen Atomkonflikt und nicht zuletzt der Karikaturenstreit sind prominente Beispiele der wachsenden Uneinigkeit. Daniel Cohn-Bendit als Vorsitzender der Grünen im Europäischen Parlament und Tariq Ramadan als berühmter, aber nicht unumstrittener Islamphilosoph, haben sich einer öffentlichen Debatte zu diesem Thema gestellt.

Die Einladung zur Diskussionsveranstaltung stieß auf großes Interesse, der Anna Lindh Saal im Europäischen Parlament am 29. März war bis auf den letzten Platz besetzt. Die zentralen Themen der zweistündigen Debatte waren bestehende Vorurteile beider Seiten, das negativ geprägte Bild des Islams in Europa, die Integration sowie mögliche Wege, die zu einem gut funktionierenden Miteinander in der Gesellschaft führen können.

Tariq Ramadan benannte zwei große Probleme der Debatte um die europäischen Muslime. Zum einen hätten sie ein sehr schlechtes Ansehen - und das nicht erst seit dem 11. September -, zum anderen werde der Islam zu oft mit sozialen Problemen der europäischen Nationalstaaten in Verbindung gebracht. Ein weiterer Punkt in der Diskussion war die Frage der Integration. Daniel Cohn-Bendit betonte, dass die europäischen Muslime Europäer seien. Es sei wichtig, diese in die Gesellschaft zu integrieren, anstatt sie zu isolieren. Tariq Ramadan sprach in diesem Zusammenhang über den Begriff der Identität. Er unterschied eine religiöse, kulturelle und politische Identität und räumte ein, dass es zuweilen schwer, aber nicht unmöglich sei, diese miteinander zu vereinbaren.

Einen wichtigen Stellenwert hatte in der Debatte auch die Frage nach der Trennung von Kirche und Staat. Daniel Cohn-Bendit betonte, dass die Emanzipation von der Religion eine Errungenschaft der Aufklärung sei. Diese habe sich nicht von einem Tag auf den anderen eingestellt, sondern musste hart erkämpft werden. Er unterstrich, dass er kein Problem mit dem Islam habe, sondern mit Religionen an sich, ob Katholizismus, Islam oder Judaismus. Religionen tendierten dazu, ihre Visionen der Politik auf die Gesellschaft umzulegen, was sich beispielsweise im rechtlichen Umgang mit Homosexuellen zeige. Tariq Ramadan bemerkte dazu, dass die Idee des Laizismus in der Geschichte der muslimischen Staaten historisch vorbelastet sei. Dies rühre daher, dass die laizistischen Parteien zumeist Parteien der Kolonialmächte gewesen seien und deswegen mit Unterdrückung in Verbindungen gebracht würden. Er betonte nochmals, dass der Großteil der europäischen Muslime weder ein Problem mit europäischen Verfassungen noch mit den Rechtssystemen an sich habe.

Auch problematische Themen wie beispielsweise Steinigungen von Frauen und Ehrenmorde wurden angesprochen. Tariq Ramadan spricht sich gegen diese Praktiken aus, sieht jedoch ein Problem darin, diese zu verbieten. Es gelte vielmehr, den Islam von innen zu verändern, und dies könne nur durch einen unvoreingenommenen und dauerhaften Dialog erreicht werden.

Einigkeit herrschte darüber, dass ein gutes Zusammenleben von Angehörigen verschiedener Religionen durch Verhandlungen und Dialog realisiert werden könne. Daniel Cohn-Bendit nennt in diesem Zusammenhang das Beispiel einer jungen Türkin, die sich an ihn gewandt habe, um einer Zwangsheirat zu entgehen. Die Vermittlung einer anderen türkischen Familie habe ihre Eltern davon abbringen können.

Der Wille zu einer transkulturellen Partnerschaft und einem Dialogs war an diesem Abend allgegenwärtig. Die beiden Diskutanten zeigten, dass ein solcher Dialog möglich ist.