In einer Rede im Europäischen Parlament schlägt Daniel Cohn-Bendit den möglichen Ausschluss Irans bei der WM im nächsten Jahr vor. Die Reaktionen zeigen den Wunsch nach einer deutlichen Antwort auf die nicht hinnehmbaren Äußerungen des iranischen Präsidenten, aber auch die Unklarheit, wie diese ausfallen soll und kann - Daniel Cohn-Bendit über seinen Vorschlag, Fußball und Politik miteinander zu verbinden.
In einer Rede im Europäischen Parlament habe ich die Ansicht vertreten, dass wir uns aufgrund der nicht hinnehmbaren Äußerungen des iranischen Präsidenten Gedanken über einen möglichen Ausschluss der iranischen Nationalmannschaft machen sollten. Das ist eine politische Stellungnahme und ein Versuch, der besorgniserregenden Situation im Iran Rechnung zu tragen.
Die Reaktionen auf meinen Vorschlag waren verschieden - viele haben mich mit einiger Verständnislosigkeit auf die Trennung von Politik und Sport hingewiesen und auf die Tatsache, dass die Nationalmannschaft unschuldig an den politischen Verhältnissen sei. Ich habe Gegenteiliges nie behauptet, ich käme auch nicht auf die Idee, den iranischen Fußball für die Untaten seines wild gewordenen Staatspräsidenten zu bestrafen.
Darum geht es aber auch nicht.
Auch ich würde mich über eine WM mit Iran freuen. Noch mehr freuen würde ich mich aber über eine Teilnahme Irans an der Weltmeisterschaft unter anderen politischen Vorzeichen.
Fußball und Politik sind ein heikles Thema, für mich wie für den Rest der Welt. Aber die nicht hinnehmbaren Äußerungen des iranischen Präsidenten Ahmadinejad fordern nicht nur eine klare Antwort - die haben wir bereits erteilt, sondern auch eine umfassende Debatte, an der sich nicht nur Intellektuelle und Europaabgeordnete beteiligen. Die Debatte über die politische Führung des gewählten Präsidenten muss auch in Iran selbst stattfinden ! Es geht daher nicht um eine Bestrafung der iranischen Fußballer, die Fußballmannschaft muss nicht für den Staatspräsidenten haften. Es geht darum, eine Diskussion über die politische Isolation des Iran zu forcieren.
In der Vergangenheit mussten wir feststellen, dass die Litanei der weltweiten Empörung zwar etliche Pressemitteilungen produziert, in Iran aber scheinbar ungehört verhallt. Das einstudierte Ritual des Entsetzens ist nicht in der Lage, eine wirkliche Diskussion innerhalb des Iran anzustoßen. Vielleicht ist auch eine Debatte über den Ausschluss der WM dazu nicht in der Lage - dann schlage man mir aber einen anderen Weg vor, diese Debatte zu ermöglichen.
Abschließend möchte ich noch einmal auf die Trennung von Fußball und Politik eingehen. Natürlich ist eine Fußballmannschaft keine offizielle Gesandtschaft des Staates, Nationalspieler sind keine bolzenden Botschafter. Aber Sport ist auch nicht unpolitisch - und ist es auch nie gewesen. Man muss sich nur die Geschichte der Olympischen Spiele in Erinnerung rufen, um sich zahlreiche Beispiele für eine Verbindung von Staat und Sport zu vergegenwärtigen. Fußball ist mehr als nur ein Spiel.
Das erste Spiel der Weltmeisterschaft des Iran findet in Nürnberg statt. Stellen wir uns vor, der Präsident Ahmadinejad führe zu diesem ersten Spiel nach Deutschland (und beschlösse nebenher noch Hitlers Reichsparteitagswiesen zu besuchen). Dies würde berechtigte Fragen aufwerfen - die WM steht unter dem Motto "Zu Gast bei Freunden". Darf die Bundesrepublik dem iranischen Präsidenten die Einreise wegen revisionistischer und menschenverachtender Äußerungen verweigern ? 1968 haben wir gegen den Schah von Persien demonstriert - gehen wir auch während der WM gegen den iranischen Präsidenten auf die Straße ? Wie trennbar sind dann noch Fußball und Politik ?
Ich würde mich glücklich schätzen, wenn allein die Möglichkeit eines Ausschlusses eine Debatte über die politische Führung des Iran auszulösen vermag. Ich hoffe es sehr, als Fußballfan und noch viel mehr als Politiker. Aber um dies zu erreichen, muss zumindest die Möglichkeit eines Ausschlusses in Betracht gezogen werden.
Daniel Cohn-Bendit