Herr Cohn-Bendit, laut einer Umfrage wollen nur 60 Prozent bei der Europawahl auch an die Urne gehen. Sind die Deutschen Europa satt?
Ich glaube, dass die Menschen im Grunde genau wissen, was sie an Europa haben. Nie wieder wird es Krieg zwischen den Völkern Europas geben, Rhein und Oder sind keine Kriegsgrenzen mehr, sondern Binnenflüsse. Gäbe einen Volksentscheid darüber, ob Deutschland in der EU bleiben sollte oder nicht, die Wahlbeteiligung wäre riesig und das Ergebnis eindeutig wir bleiben in der EU.
Alles in EU-Butter sozusagen?
Nein, es gibt ganz allgemein eine Krise des Politischen und die trifft Europa besonders. Viele Entscheidungsprozesse in Brüssel sind sehr kompliziert und zäh. Dazu kommt noch das europäische Kauderwelsch der Technokraten. Dann betreten wir in Europa oft auch politisches Neuland. Denken Sie an die Osterweiterung. Das verunsichert und verstört nicht wenige. Das ist menschlich, heißt aber nicht, dass alle in der Sache dagegen sind. Verbraucherschutz, Verkehrswege alles Dinge, die man doch nur noch europäisch lösen kann.
Wenn ich Ihnen den Begriff "BT-11" nenne, bekommen Sie dann gute oder schlechte Laune?
Schlechte!
Warum?
Mit "BT-11" bezeichnet man eine Sorte gentechnisch manipulierten Gemüsemais, der ab sofort in ganz Europa verkauft werden darf gegen die Stimmen der Grünen. Aber meine Partei hat erbittert und mit Erfolg für eine Kennzeichnungspflicht gekämpft. Jetzt müssen die Verbraucher entscheiden, ob dieser Gen-Mais wieder aus den Regalen der Supermärkte verschwindet.
Kann es sein, dass viele Menschen Europa deshalb ablehnen, weil Bezugspersonen aus Fleisch und Blut fehlen. Man kann ja schlecht eine Behörde oder Kommission lieben ...
Stimmt, wir brauchen mehr Personen, die man mit Europa identifiziert. Ich habe sogar einmal vorgeschlagen, dass alle Europäer einen EU-Präsidenten direkt wählen könnten, fast wie in Amerika. Der Vorteil wäre, diese Kandidaten müssten Politik für alle Europäer und nicht nur für ihr Heimatland machen. Der Nachteil wäre, ein harter Wahlkampf, der auch viele Emotionen aufwirbeln könnte. Ich weiß nicht, ob wir schon so weit sind ...
Sie waren ein berühmter Studentenführer, Revoluzzer ...
Revoluzzer finde ich kein so schönes Wort ...
Wieso?
.... das ist, als würde ich zu Ihnen Schreiberling sagen ...
Verstanden! Sitzen Sie als Person, die diese Epoche der Geschichte mitgestaltet hat ...
.... Ja, ja, das ist schon besser ...
.... manchmal allein in Ihrem Stübchen und weinen den verlorenen Idealen nach? Haben Sie sich als Mensch verändert?
Nein. (lacht). Aber wenn ich meinem 14-jährigen Sohn Bela heute sage, das und das darf er nicht machen, antwortet der mir: Hast du dich denn immer daran gehalten, wenn du etwas nicht durftest?
.... kein Blick zurück in Wehmut?
Es war eine faszinierende Zeit. Wir haben damals die Gesellschaft verändert, sie ist freier und offener geworden. Aber wir haben auch viel Wahn produziert, wollten die bürgerliche Demokratie überwinden. Zum Glück sind wir damit politisch gescheitert!
Früher gab es den frechen Spruch, "wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört schon zum Establishment". Heute sind Sie glücklich verheiratet, etablierter Politiker, unterhalten sich mit den Mächtigen der Welt. Sind Sie heute selbst Mitglied des Establishments?
Ich unterhalte mich mit den Leuten auf der Straße, habe keine Bodyguards oder Panzerlimousinen. Ich wohne noch in der selben Wohnung, in der ich seit zwanzig Jahren wohne, gehe selbst einkaufen. Ich bin nicht unnahbar!
Aber Sie müssen manchmal so denken, wie jemand aus dem Establishment ....
Ja, ich will Einfluss haben. Das heißt ich muss auch manchmal in politischen Kategorien denken, die die Kategorien der sogenannten Mächtigen sind. Und mir geht es auch nicht so schlecht, wie dem Arbeitslosen, der an der Trinkbude steht. Als Abgeordneter hat man sicher einige Privilegien ...
Beneiden Sie manchmal Ihren alten Freund Joschka Fischer um die Macht und den Glanz seines Amtes?
Joschka Fischer und ich haben einige Jahre zusammen in einer Wohngemeinschaft gewohnt. Jeder weiß, was der andere kann und was nicht. Ich neide ihm diese Macht nicht, weil er dafür einen hohen Preis bezahlen muss. Ich würde kläglich eingehen als Minister, ich hätte diese Stärke gar nicht. (lächelt) Ich glaube manchmal beneidet Joschka eher mich um die Freiheit, die ich habe ...
Eine der wirklichen Klammern in einem vereinten Europa ist der Klatsch Beckham, Caroline, Prinz Charles. Haben Sie auch die Königshochzeiten im Fernsehen verfolgt?
Ne, ich finde das besonders langweilig. Außerdem habe ich mich geärgert, dass diese Veranstaltung auf allen, und besonders auch auf den öffentlich-rechtlichen, gleichzeitig lief.
Sind Sie also klatschresistent?
Ich? Ich liebe Klatsch, bin klatschsüchtig! Klatsch ist eines der schönsten Dinge im Leben. Man erzählt sich Dinge, hast du den mit der gesehen herrlich! Die Grenze ist nur dann überschritten, wenn Klatsch zur Denunziation wird. Dann ist Klatsch widerlich.
Eine weitere gesamteuropäische Klammer ist der Fussball. Wer gewinnt die EM?
Frankreich!
Meine Güte, Sie kandidieren doch für Deutschland ...
.... das macht doch nichts! Ich sage Ihnen auch, warum der deutsche Fußball so schlecht ist ...
Warum?
.... weil die CDU zwanzig Jahre eine Reform des Einwanderungsrechts verschlafen hat. In Frankreich träumt jedes Einwanderungskind davon, einmal für Frankreich zu spielen, ein Zidane zu werden und es hat die Chance! Und warum spielt Yildiz Bastürk, der in Deutschland geboren ist, für die Türkei? Das ist es, was den deutschen Fussball schwach macht!
Herr Cohn-Bendit, zum Schluss noch einige kurze Fragen: Was ist Ihre größte Stärke?
Reden.
.... und Ihre größte Schwäche?
Auch Reden das heißt, manchmal rede ich zuviel und höre nicht genug zu.
Welchen Luxus gönnen Sie sich manchmal?
Sehr, sehr, sehr gut zu essen.
... was man aber nicht sieht!
Ich jogge dreimal die Woche und trinke nur mäßig Alkohol.
Mit welcher Schauspielerin würden Sie gerne mal zu abend essen?
Mit Silvia Kikili, der Darstellerin aus "Gegen die Wand". Ich finde es furchtbar, wie man versucht hat, sie fertig zu machen, nur weil sie früher mal einen Porno gedreht hat. Na und! Stellen Sie sich mal vor, ein Schauspieler gewinnt die Goldene Palme. Wer kommt da auf die Idee und fragt, ob der in den Puff geht? Niemand! Die Scheinaufregung von Männern über diesen Pornofilm finde ich widerlich. Wer guckt denn solche Filme Männer! Sonst gäb's doch keine!
Wie könnten Sie Ihrer Frau eine Freude machen?
In dem ich bei ihr bin.
Was wären Sie bereit für die Liebe zu opfern?
Alles!
Ihr Traum vom Glück?
So weiter zu leben, wie ich lebe, so lange wie möglich!
Was soll einmal auf Ihrem Grabstein stehen?
Er hat gern gelebt ...