Wenn ein guter Vater ein anwesender Vater ist, kann ich das bejahen. Ich organisiere meine Arbeit so, dass ich dreieinhalb Tage pro Woche unterwegs bin und bis nachts arbeite und sonst in Frankfurt bei der Familie bin und arbeite, wenn mein Sohn Bela in der Schule ist.
Findet Ihr Sohn auch, dass er einen guten Vater hat?
Na ja, er ist jetzt 14 Jahre und beschwert sich schon, wenn ich "schon wieder" wegfahre. Er kann damit aber, glaube ich, ganz gut leben, wenn er auch erlebt, dass ich für ihn mal etwas absage. Er hätte außerdem weniger von mir, wenn ich täglich von 8 bis 20 Uhr im Büro wäre.
Oft sind die Männer ja mit ihrem Engagement in Familie und Haushalt zufrieden. Wenn man aber die Frauen fragt . . .
Nein, meine Frau Ingrid findet auch, dass wir das Engagement für die Familie gut geteilt haben. Sie macht vielleicht 60 und ich 40 Prozent. Und ich habe von Belas Geburt an um meine Autonomie als Vater gekämpft. Das fing damit an, dass ich das Stillen begrenzen wollte, damit ich unabhängig von der Mutter etwas mit meinem Kind unternehmen konnte.
Sie wurden 1989 Stadtrat, Bela ist 1990 geboren. Ließ sich das vereinbaren?
Ich habe eine Spielecke für ihn im Büro eingerichtet. Ich will das aber nicht überbewerten. Man muss dazu sagen, dass meine Frau Lehrerin ist und ihre Stundenzahl gut an die Bedürfnisse der Familie anpassen konnte. Aber in Notfällen habe ich mein Kind wirklich mitgenommen.
Wie hat Ihre Umwelt darauf reagiert?
Einmal musste ich Bela als Säugling in die Verhandlungen um die Gestaltung des neuen Japan-Centers mitnehmen. Dezernent Martin Wentz war dann doch schockiert, als ich mit Baby-Tragesack vorm Bauch zum Termin erschien. "Was sollen denn die Japaner denken?", fragte er. Und, was passierte? Sie haben uns fotografiert, weil sie's witzig fanden.
Witzig? Haben Ihre Gesprächspartner Sie dennoch ernst genommen?
Ja, sicher. Väter müssen sich mehr trauen. Wenn ein Mann selbstbewusst seinen Vater steht, steht er doch seinen Mann.
Wenn Sie so aufgetreten sind: War das Ihr Bedürfnis oder war's Politik?
Ich wollte schon zeigen, was möglich ist. Dass ich so die Nähe zu meinem Sohn gesucht habe, war mir aber einfach Bedürfnis. In der Partei der Grünen wird das ja auch toleriert. Ideologisch. Praktisch wird's aber doch nicht goutiert, wenn ich Familie und Freunden auch Raum gebe und nicht 14 Tage die Woche für die Politik unterwegs bin. Aber in meinem Beruf kann ich entscheiden, welche Termine ich wie lege. Andere können das nicht.
Wie sieht's denn in Deutschland und Europa mit den Möglichkeiten für Väter aus, sich ihrer Familie mehr zu widmen?
In Deutschland verstehe ich das Geschrei um die Verlängerung der Lebensarbeitszeit nicht. Ich sehe darin die Chance, die Stundenzahl in einigen Lebensphasen zu reduzieren. Wie gut sich das aufs Familienleben auswirkt, sehen wir in Frankreich. Seit dort die 35-Stunden-Woche eingeführt worden ist, nehmen sich die Väter vor allem den schulfreien Mittwochnachmittag frei, um mit ihren Kindern etwas zu unternehmen.
Welche Chancen bietet Skandinavien, das große Vorbild für Gleichberechtigung, den Vätern?
Dort gibt es gute Teilzeitregelungen für beide Geschlechter. Und immerhin zehn bis 15 Prozent aller Väter steigen mit Hilfe der Erziehungszeit eine Zeit lang aus dem Beruf aus. Anschließend arbeitet aber kaum ein Mann Teilzeit.
Warum nicht?
Na ja, wir dürfen uns nichts vorlügen. Die Veränderung im Rollenverhalten geht sehr langsam voran. Und es ist für Männer definitiv anstrengend, auf Karriereschritte zu verzichten, um sich den Kindern zu widmen. Frauen fällt das sicher auch schwer, aber sie haben ein größeres Bedürfnis, den Kindern gerecht zu werden.
Wie kann sich das ändern?
Durch neue Leitbilder. Es gibt eine dänische Firma mit 300 Angestellten, die flexible Arbeitszeiten anbietet. Aber erst, als der Geschäftsführer den Schritt getan hat, haben alle leitenden Angestellten die Arbeitszeit reduziert. Das zeigt: Das Bedürfnis der Männer ist da, nur das klassische Bild des Mannes in der Gesellschaft als Vollverdiener blockiert die Verhaltensänderung.
Sind solche Veränderung bei der Arbeitsmarktlage in Deutschland denkbar?
Gerade jetzt könnte man darüber reden, Arbeit zu teilen. Aber in Krisenzeiten greifen häufig die klassischen Verhaltensmuster. Siehe Frankreich, wo die Betroffenen über die Zurücknahme der 35-Stunden-Woche streiten. Das wär's dann mit der Väterpräsenz am Mittwochnachmittag.
Wollen Sie selbst auf der Karriereleiter noch höher klettern?
Ich weiß nicht, ob ich als Minister noch mit meinem Sohn Radtouren machen oder in der Stadt Schuhe kaufen könnte. Es war auch eine bewusste Entscheidung, "nur" Parlamentarier und Fraktionsvorsitzender zu sein. Das ist für mich Lebensqualität.
Das Interview führte Annegret Schirrmacher