Als die Ukrainer im Spätherbst 2004 in der „orangenen Revolution" die Wiederholung der gefälschten Präsidentenwahl erzwangen, schaute für ein paar Wochen die ganze Welt nach Kiew. Aber was ist geblieben von der Aufbruchsstimmung der Revolution? Wie fühlen sich die Ukrainer heute? Was erwarten sie von Europa? Daniel Cohn-Bendit spricht mit Jurij Andruchowytsch, einer der wichtigsten publizistischen Stimmen der heutigen Ukraine, über Enttäuschung, Hoffnung und die europäische Perspektive des Landes.
Nach dem großen demokratischen Aufbruch kam das innenpolitische Chaos. Die fest verabredete Regierungskoalition der orangenen Revolutionäre Viktor Juschtschenko und Julia Timoschenko platzte, weil die „sozialistische Partei in letzter Minute die Koalition verraten" hat. So sieht es Jurij Andruchowytsch. So sehen es viele Ukrainer. Andruchowytsch rechnete in dieser Krise mit einer blitzschnellen Reaktion seiner Landsleute, einer Mobilisierung der Massen wie 2004. Aber nicht einmal 300 Leute versammelten sich vor dem Parlament.
Eine „gefährliche Rückkehr des Zynismus" und der Resignation ist das für den Schriftsteller. Um aus dieser Krise herauszukommen, müssten seiner Ansicht nach dringend neue Gesichter her, ein Generationenwechsel und vorzeitige Wahlen. Die derzeitige instabile Lage, in der man um die Errungenschaften der Revolution - wie die Medienfreiheit - bangen müsse, dürfe auf keinen Fall so bleiben, sagt der Ukrainer in fließenden Deutsch.
Im Westen werde die Ukraine fälschlicherweise oft mit Russland gleichgesetzt, viele wüssten nicht einmal, dass das Ukrainische eine eigene Sprache ist. Zwar wolle man sich von Russland nicht vollständig distanzieren, aber die Ukraine sei eine junge, proeuropäische Demokratie, sagt Andruchowytsch. „Das Wort Demokratie ist bei uns ein positives Wort, in Russland ist es ein Schimpfwort und bedeutet so etwas wie Durcheinander".
Auch deshalb orientiert sich das das zweitgrößte Land des Kontinents zur Europäischen Union hin. In Umfragen haben sich 60% der Ukrainer für einen EU-Beitritt ausgesprochen. Und auch Andruchowytsch glaubt: „Die Ukraine ist ein ganz wichtiger Bestandteil für ein vereinigtes Europa". Allerdings könne dies auch auf dem Wege einer privilegierten Partnerschaft geschehen, da ein Beitritt in naher Zukunft wohl wenig realistisch ist. Wichtig sei, den Ukrainern den Anschluss an Europa zu geben. Visa-Erleichterungen für reisewillige Ukrainer wären ein erster Schritt. Denn: „Es gibt eine Mittelklasse, die reisen will und nicht kann. Wir sind nicht lauter Banditen und Prostituierte."
Der Schriftsteller, Dichter und Übersetzer Jurij Andruchowytsch hat neben Gedichten, Erzählbänden und Essays auch vier Romane veröffentlicht. Er wurde mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen und Stipendien ausgezeichnet, darunter 2001 der Herder-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung und 2005 der Sonderpreis zum Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück.
Sendetermine:
Montag, 5.03.2007, 21:15 Uhr
Mittwoch, 7.03.2007, 23:15 Uhr und
Sonntag, 11.03.2007, um 9:00 Uhr.
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