Wie ist ihre europäische Sensibilisierung erfolgt ?
Daniel Cohn-Bendit: Ich bin 1945 geboren, genau neun Monate nach der Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944. Meine Eltern haben mich also in einer Zeit gezeugt, in der die Hoffnung wieder in Europa einzog. So gesehen bin ich eine konstruktive Antwort auf die Dramen der europäischen Geschichte, der Prototyp einer Überwindung des Gegensatzes zwischen Deutschland und Frankreich. Meine Eltern kamen als politische Flüchtlinge 1933 nach Frankreich, während des Krieges wurde ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Sie waren also - genau wie ich - lange Zeit staatenlos. In Frankreich bin ich der deutscheste der Franzosen, in Deutschland der französischste der Deutschen. Ich bin nicht stolz darauf: die Geschichte hat mich dazu gemacht. Aber ich verkörpere eine Einheit in der Vielheit. Das ist auch das Motto der Europäischen Union, und ich verteidige es in den Institutionen, die diese sich gegeben hat. Meine deutsch-französische Identität verbietet es mir, mich im Namen eines einzelnen Landes oder einer einzelnen Nation zu äußern. Ich spreche im Namen Europas.
Thomas Ostermeier: 1999, als der Choreograph Sasha Waltz und ich zu den Leitern der Schaubühne ernannt wurden, haben wir eine neue Identität für das Berliner Theater gesucht, das sehr stark in der Tradition Peter Steins stand. Wir haben uns für ein internationales Theater mit europäischer Perspektive entschieden, obwohl die Vorstellung noch sehr verbreitet war, dass die deutsche Nation sich in und durch die Sprache, ihre Dichter und Dramaturgen ausdrücken und artikulieren müsse. Wir haben daher eine Repertoirebühne geschaffen, die von jungen, zeitgenössischen Autoren geprägt wird, von Mark Ravenhill (Großbritannien), Jon Fosse (Norwegen) oder Biljana Srbljanovic (ehemaliges Jugoslawien), die sich mit den Problemen einer Generation im Dschungel der europäischen globalisierten Metropolen auseinandersetzen. Dazu kommt, dass die großen Vordenker des Theaters, Meyerhold, Stanislavski, Brecht oder Arthaud, über den ich am meisten gearbeitet habe, auch alle Europäer waren.
Welches sind die großen europäischen Figuren, die Sie geprägt haben?
DCB: Marek Edelman, der den Humanismus der sozialistischen Partei der osteuropäischen Juden, des Bundes, verkörpert, zu den Initiatoren des Aufstandes im Warschauer Ghettos gehörte und sich im Widerstand gegen die Barbarei der Nationalsozialisten hervorgetan hat. Er war emeritierter Mediziner, Mitstreiter der Solidarnosc-Bewegung in Polen, Wächter unseres Gewissens im ehemaligen Jugoslawien und im Nahen Osten. Außerdem die Philosophin Hannah Ahrendt (1906-1975), die sehr früh die Bedeutung einer politischen Europas nach seinen Verstrickungen in die „düsteren Zeiten" des Totalitarismus formuliert hat. Und Jean Monnet (1888-1979), der, nachdem er mit der Versorgung der englischen Soldaten in Europa beauftragt wurde, die Notwendigkeit neuer politischer Institutionen erkannte, um die Intergouvernementalität der Nationalstaaten zu überwinden. Und auf die Gefahr hin, Sie zu überraschen, und ohne ihn auf die gleiche Stufe wie die Vorhergehenden stellen zu wollen, würde ich noch den Namen Michel Platinis hinzufügen, der kürzlich zum Präsidenten der UEFA gewählt wurde. Wenn der ehemalige Profi erklärt, Fußball sei „mehr ein Spiel als eine Ware, mehr ein Sport als eine Vermarktung, mehr ein Ereignis als ein Geschäft", und außerdem eine Erfahrung; die „Menschen zusammenführe" und die vor gesellschaftlichen Abgründen wie Rassismus, Doping, Korruption und Gewalt geschützt werden müsse, verlässt er die nationale Wahrnehmung und konstruiert einen europäischen Raum des Sports, der Kultur und der Gastlichkeit der Völker. Er prägt das europäische Bewusstsein auf seine Art.
TO: Ich denke an den Norweger Henrik Ibsen (1828-1906), der sein Wirken außerhalb seines Heimatlandes entfaltet hat, nachdem er mit seinem zeitgenössischen Autorentheater in Bergen scheiterte. Seine bedeutendsten Stücke, wie Hedda Gaebler, wurden in Deutschland und Italien geschrieben und aufgeführt. Auf seine Art hat er Europa antizipiert. Ich denke auch an Bertolt Brecht, der mehr als nur ein deutscher Dramaturg war. Denken Sie nur an den Einfluss, den er auf die Geschichte des populären Theaters von Jean Vilar in Frankreich ausgeübt hat. Anlässlich des Theaterfestivals von Avignon 2004, an dem ich als „artiste associé" mitgewirkt habe, hat das Publikum außerdem eine Vielzahl europäischer Schauspieler entdeckt, die zumeist völlig unbekannt waren: Bruno Cathomas aus Deutschland, Jeroen Willems aus den Niederlanden, Viviane de Muynck aus Flandern... auch das sind große Europäer.
Was muss getan werden, um den Geist von 1957, der die Römischen Verträge inspiriert hat, nach dem französischen „Nein" zum europäischen Verfassungsvertrag wieder in Europa zu etablieren?
DCB: Nach dem Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft haben die Römischen Verträge versucht, die nationalen Egoismen zu überwinden, indem sie eine europäische Gemeinschaft jenseits des gemeinsamen Marktes schafften, auch wenn die unterzeichneten Verträge wirtschaftlicher Natur waren. Dieser Elan fehlt heute offensichtlich, weil Europa auf seine technische und zweckdienliche Bestimmung reduziert wird. Bei einer der letzten Veranstaltungen, die ich für den Verfassungsvertrag organisiert habe, hat mich eine Frau angesprochen. Sie meinte: „Dany, Du magst Recht haben mit der Verfassung, aber ich muss dagegen sein." Das Lager der Ablehnung hat die Schwächen des Vertrags für sich mobilisieren können - etwa den unscharfen und vieldeutigen Begriff der „freien und unverfälschten Konkurrenz" oder die anachronistische Verteidigung einer intensiven Landwirtschaft, deren Konzept aus den fünfziger Jahren stammt. Die soziale und existentielle Krise der Franzosen hat in der Ablehnung Europas ein Sprachrohr des öffentlichen Protests gefunden. Trotzdem lehne ich die Ideen von Nicoals Sarkozy ab, die Nationalversammlung über einen (fast) identischen Text abstimmen zu lassen - das wäre eine Verleugnung der Demokratie. Die deutsche Präsidentschaft sollte stattdessen einen grundlegenden Vorschlag formulieren, insbesondere in bezug auf die institutionelle Reform der Grundrechtscharta, die Seele und Essenz der europäischen Idee definiert. Dieser Grundsatzvorschlag sollte in einem Referendum bestätigt werden, das zur gleichen Zeit in allen europäischen Staaten abgehalten wird.
TO: Das „nein" der Franzosen und der Niederländer, die Ablehnungsfront und allgemeiner das Misstrauen in bezug auf die europäischen Institutionen sind eine Folge des enormen sozialen Rückschritts, der in den meisten europäischen Ländern Einzug hält. Die nationalen Probleme, etwa die Massenarbeitslosigkeit der Jugend, werden sehr viel ernster genommen als die europäische Agenda.
DCB: Ja, aber die Menschen täuschen sich, wenn sie glauben, dass diese Probleme auf nationaler Ebene angegangen werden können. Im Gegenteil, der Rückzug aufs nationale Territorium verschärft sie noch.
TO: Vielleicht, aber die Wahrnehmung, das Empfinden, die gelebte Wirklichkeit versperren den Horizont. Eine aktuelle Umfrage hat ergeben, dass 20% der Deutschen kein Verständnis für Homosexualität aufbringen - das ist eine immens hohe, noch dazu steigende Zahl im Vergleich zu den letzten Jahren. In gleicher Weise verbreitet sich der Rassismus in den Unterschichten, die zunehmend von wirtschaftlichen und sozialen Frustrationserfahrungen beherrscht werden. In Deutschland hat die Fußballweltmeisterschaft 2006 einen so genannten „weichen Nationalismus" verbreitet und damit dazu beigetragen, bestimmte Formen von Fremdenfeindlichkeit wieder salonfähig zu machen. All diese Phänomene sind Reaktionen auf die Verarmung wachsender Teile der europäischen Bevölkerungen und auf einen beunruhigenden moralischen Notstand. Wie können die Deutschen und die Franzosen angesichts ihrer alltäglichen Probleme von der Notwendigkeit Europas überzeugt werden? Der soziale Rückschritt geht mit einem moralischen Rückschritt und einer vollkommenen Desillusionierung einher. Dazu kommen Korruptionsaffären. In Deutschland wurde gerade Peter Hartz verurteilt, der ehemalige Direktor der Personalabteilung von Volkswagen (VW), dessen Arbeitsmarktreformen den Deutschen einiges abverlangt hat. Er wurde zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung und einem Bußgeld von 576 000 Euro verurteilt, nachdem er dem damaligen Vorsitzenden des VW-Betriebsrats Klaus Volkert Prämien im Wert von 2,6 Millionen Euro ausgezahlt hat, um sich seinen sozialen Frieden zu sichern! Das Problem ist, dass es meist solche Individuen sind, die für ein institutionelles Europa eintreten, sehr viel häufiger leider als Menschen wie Daniel Cohn-Bendit.
Welche Werte, Projekte und Vorschläge können Europa zu neuer Stärke verhelfen?
DCB: Die Menschen fühlen sich angesichts der Globalisierung überfordert. Die Nationalstaaten stehen machtlos vor den globalisierten Problemen, von denen der Klimawandel nur ein Beispiel unter vielen ist. Wir müssen die Veränderungen in der Welt wieder in unsere Hand nehmen. Das Instrument, das uns helfen kann, unsere Geschichte zu bewältigen, ist Europa. Betrachten wir einige Beispiele. Am Anfang von Europa standen Kohle und Stahl. Auf eine gewisse Weise erleben wir gerade eine Rückkehr zum Ursprung, weil die Frage der Energieabhängigkeit von neuem gestellt wird. Wie können wir uns aus der Abhängigkeit von Russland und Saudi-Arabien lösen? Indem wir in Europa erneuerbare Ersatzenergien suchen. Wie können wir die europäische Identität neu erfinden? Indem wir der Jugend die Möglichkeit geben, Europa zu leben, vielleicht im Rahmen eines Freiwilligendienstes, in dessen Verlauf Wissen und Kompetenzen europaweit ausgetauscht werden.
TO: Eine sehr gute Idee, da sich die Erfahrung Europas oftmals auf Au-Pair-Aufenthalte beschränkt.
DCB: Im Zuge der europäischen Vereinigung hat Deutschland auf die Deutschmark verzichtet, was als großes Opfer wahrgenommen wurde, da die deutsche Währung, anders als der französische Franc, stark mit der nationalen Identität verknüpft war. Wenn Frankreich sich durchringen könnte, seinen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mit Deutschland zu teilen - als eine Etappe auf dem Weg zu einer neuen Weltordnung, in der es nur noch einen europäischen Sitz gäbe - wäre das auch ein sehr starkes Symbol. Ich glaube nicht, an die Verschmelzung von zwei Staaten, auch wenn manche davon träumen mögen. Aber eine deutsch-französische Delegation der Vereinten Nationen, das hätte Stil.
Wie können Kunst und Kultur - auf der einen Seite Quelle und Ursprung des europäischen Geistes, auf der anderen Seite die großen Abwesenden in der Kampagne der französischen Präsidentschaftswahlen - ihren Platz in der Europapolitik finden?
DCB: Die Garantie der kulturellen Vielfalt ist eine Art europäischer Schutzschirm. Es ist der sinnvollste Weg, das Monopol der amerikanischen Kultur zu überwinden. Ich finde es absurd, dass die Märchen von Andersen und Perrault, die Essenz der europäischen Kultur schlechthin, von Walt Disney verfilmt werden. Das bedeutet, dass die Europäer ihre Kultur nicht mit ihren eigenen Bildern, ihren eigenen Träumen erzählen können. Es ist symptomatisch, dass eine Geschichte wie Schindlers Liste von einem Amerikaner verfilmt wird. Und ich bin bereit zu wetten, dass der Roman „Les Bienveillantes" von Jonathan Littell, den ich für den Dostojewski des 21. Jahrhunderts halte, ebenfalls auf dem Schreibtisch eines amerikanischen Produzenten landen wird. Europa muss sich seiner eigenen Geschichte bemächtigen. Denken Sie an das Verhältnis von Hannah Ahrendt und Martin Heidegger. Das ist eine philosophische, historische, politische und romantische Geschichte, die mit Sicherheit einen großen Teil der europäischen Zuschauer bewegen würde. Das europäische Bewusstsein existiert, und es ist an den Künstlern, ihm Ausdruck zu verleihen.
TO: Die Art, in der diese Geschichten erzählt werden, ist in der Tat ein Monopol der Vereinigten Staaten. Die Dramaturgie der Filme, die Repräsentation der Liebe, die Paarbeziehungen, die Wut, der Tod... All dies erreicht den Betrachter durch vorgefertigte Bilder aus Hollywood und aus amerikanischen Fernsehserien. Der Videokünstler und Plastiker Julian Rosefeldt hat etwas Interessantes getan: er hat die Goethe-Institute in der ganzen Welt kontaktiert und um die Aufzeichnungen lokaler daily soaps gebeten (aus Brasilien, Indien etc.). Die Durchsicht und die Analyse dieser „ikonischen Grammatik" haben ergeben, dass die Gesten, die Situationen, die Posen einander gleichen, auf dem Schema aus Hollywood basieren und vollkommen austauschbar sind. Das gleiche gilt für die Dialoge. Mit Global Soap (2000) hat der Künstler eine Art Atlas der Körpersprache der daily soaps erstellt und zugleich eine Verbindung zwischen der Ikonen des Medienzeitalters mit religiösem Gemälden der europäischen Kunst herausgearbeitet.
DCB: Man sieht dennoch viel Eigenes in der europäischen Kunst. Zunächst einmal - das deutsche Theater läuft gut. Es ist kein Zufall, dass Thomas Ostermeier als „artiste associé" zum Festivals in Avignon berufen wurde und Büchners Woyzeck auf deutsch (mit französischen Texteinblendungen) aufführen durfte. Das deutsche Kino läuft auch gut. Es ist wesentlich weniger auf sich selbst fixiert als ein großer Teil des französischen Kinos, das immer die gleichen Geschichten von Ehebruch unter Freunden und verbotenen Liebschaften erzählt. Zur gleichen Zeit, als in Frankreich der redliche Film „Chanson d'amour" mit Gérard Dépardieu und Cécile de France in die Kinos kam, wurde in Deutschland „Das Leben der anderen" produziert, ein eindringlicher Film über die Verstrickungen der Stasi.
TO: Achtung, es gibt auch einen europäischen Kitsch. Ich finde, dass ein Film wie „Requiem" von Hans-Christian Schmidt vielleicht „politischer" ist als andere, auch wenn er selbstbezogen sein mag, weil sich in ihm doch eine Repräsentationsethik widerspiegelt, die vielen anderen Filmen fehlt. Insgesamt haben wir aber Glück mit Europa. Die meisten jungen amerikanischen Künstler, die ich treffe, haben große Schwierigkeiten, sich unabhängig von der unmittelbaren Rentabilität ihrer Werke zu etablieren. Worin ja auch gerade die Notwendigkeit besteht, die kulturelle Ausnahme Europas zu verteidigen, wie Sie das tun.
Ist Europa eine Utopie, eine Art, das „Imaginierte an die Macht zu bringen", wie Daniel Cohn-Bendit es ausgedrückt hat?
TO: Ich würde das anders formulieren. Europa ist nur ein kleiner Teil der Welt. Im 19. Jahrhundert war die Utopie Deutschland. Daraus ist dann das nationalistische Deutschland geworden. Eine Utopie ist die Erfindung einer anderen Welt.
DCB: Den Hass der Nationen hinter sich gelassen zu haben, das ist schon eine schöne Utopie. So wie Frankreich im 18. Jahrhundert mit der Französischen Revolution kann auch Europa ein Modell für eine andere Einstellung hinsichtlich der Geschichte und der Welt sein, durch die Zurückweisung des Neokolonialismus, der globalen Beherrschung, der ökologischen Verwüstungen etc. Das ist es, was ich Utopie nenne.
Wie versteht sich die Jugend Europas, die die erste Generation seit 1945 ist, die nicht besser lebt als die vorherige?
DCB: Es ist sehr viel schwieriger geworden, jung zu sein. Als wir jung waren, konnten wir sagen, dass die Moral hinfällig sei, das System verkrustet und dass durch die Revolution alles besser werde. Eine positive und naive Anthropologie verleitete uns zu der Annahme, dass der Mensch gut, aber durch kapitalistische Verfremdung verdorben sei. Wir haben uns später von dieser Ideologie verabschieden müssen, aber sie hat uns eine Mystifizierung der Zukunft erlaubt. Der Mensch ist weder Engel noch Tier, das wissen wir heute. Wir sind daher den Weg einer außerparlamentarischen und revolutionären Opposition zu einer politischen, institutionellen Praxis gegangen, der mich für meinen Teil zu den französischen und den deutschen Grünen geführt hat. Ich habe eingesehen, dass die radikale Kritik der parlamentarischen Demokratie seitens der revolutionären Gruppen ein totalitäres Moment in sich trägt. In seinen extremen Ausformungen hat dieser in sich selbst abgeschlossene Gedanke den Terrorismus der siebziger Jahre hervorbringen können. Dieses Umdenken gipfelte in der Ernennung Joschka Fischers zum Außenminister der Regierung unter Gerhard Schröder.
Eine der Parolen von 1968 war: „Gegen die Jugendarbeitslosigkeit". Diese betraf damals aber nur eine verschwindend geringe Minderheit! Mit der Bedrohung durch AIDS, der Dringlichkeit ökologischer Themen, der Furcht vor einer Massenarbeitslosigkeit hat die Jugend heute einen wesentlich geringeren Spiel- und Handlungsraum. Der Jugendliche 1968 war verrückt und prometheisch, der Jugendliche heute ist rational und verängstigt. Ich sage nicht: unpolitisch - vergessen wir nicht, dass gegen den CPE mehr Jugendliche auf die Straßen gegangen sind als seinerzeit 1968 - aber die Jugend weiß, dass ihr Aktionsradius begrenzt ist. Dafür kommt die Revolte ohne die falschen ideologischen Versprechen der sechziger und siebziger Jahre aus. Der junge Mensch heute muss sich jenseits ideologischer Gefilde verorten. Aber er ist vom Schwindel gepackt.
TO: Wie kann die junge Generation von heute noch legitim aufbegehren? Jedes Mal, wenn sie etwas angreift, weist man sie zurecht: „Du kennst die Gesellschaft nicht, Du hast nichts getan, um sie zu verändern." Jedes Mal, wenn eine soziale Bewegung entsteht, wird sie mit 1968 verglichen. Wir jungen Europäer stehen einer Generation gegenüber, die etwas aufgebaut hat, während wir momentan nicht in der Lage sind, eine andere Welt zu erfinden. Wir sind die machtlosen Erben des Jahres 1968.
DCB: Die Zeiten der eingleisigen Ideologien sind vorbei. Unsere Ersatzideologien sind zersplittert, und das ist gut so. Ihre Generation ist realistischer, im positiven Wortsinne. Aber sie muss sich dem Schwindel des Realitätsprinzips stellen.
TO: Die Demokratie ist etwas Großartiges. Das Maß ist eine vernünftigere Einstellung als der Exzess der Radikalisierung. Aber es ist auch die am wenigsten erotischste Art, Politik zu denken! Die revolutionäre Pose ist sehr viel begehrenswerter. Denn um etwas ändern zu wollen, muss man Begehren mobilisieren, wie Daniel Cohn-Bendit das auf seine libertäre Art in den Straßen von Paris eindrucksvoll vorgeführt hat...
DCB: Sie haben Recht, das demokratische Voranschreiten ist vielleicht weniger erotisch und mitreißend als der revolutionäre Sturm. Es ist nun an uns, Europa attraktiver zu gestalten!