"Mein Vorschlag ist, dass bei einem europaweiten Referendum die Verfassung in Kraft treten kann, wenn die Mehrheit der EU-Bürger und mindestens zwei Drittel der Staaten zustimmen", sagte Cohn-Bendit im Interview der Financial Times Deutschland: "Das ist die einzige Möglichkeit, um vom Einstimmigkeitsprinzip wegzukommen, das zu einer Blockade führen wird."
Derzeit ist im Prinzip vorgesehen, dass die Verfassung nur in Kraft tritt, wenn alle 25 Staaten zustimmen. Cohn-Bendit forderte, das Inkrafttreten des Europa-Grundgesetzes dürfte nicht von zum Teil innenpolitisch motivierten Vetodrohungen einzelner Staaten abhängig sein. "Wir sind in einer Situation, wo Malta, Zypern oder Luxemburg die ganze EU blockieren können."
Schweden und Dänemark würden ohnehin Referenden durchführen, wobei der Ausgang unsicher sei. In anderen Staaten drohe eine Verknüpfung der Entscheidung über die Verfassung mit dem EU-Beitritt der Türkei. "Das hat zwar nichts miteinander zu tun, aber da ist man der Irrationalität voll ausgeliefert", sagte Cohn-Bendit. Nach der Entscheidung des britischen Premierministers Tony Blair für einen Volksentscheid stehe vor allem der französische Staatspräsident Jacques Chirac vor einem Dilemma. "Gegner und Befürworter der EU-Verfassung in Frankreich wollen einen Volksentscheid", sagte Cohn-Bendit: "Sagt Chirac Nein, heißt das: Er hat Angst vor dem Volk. Sagt er Ja, wird versucht, daraus eine Abstimmung über Chirac zu machen. Seine Umfragewerte sind sehr schlecht."
Eine "Europäisierung der Entscheidung" würde Blair und Chirac aus dieser Patsche helfen: "Gegen ein europäisches Referendum kann niemand etwas haben. Und dann würde sich die Debatte auch wirklich um die Frage drehen: Europa oder nicht." Staaten, deren Bevölkerung gegen die Verfassung votierten, sollten innerhalb eines Jahres entscheiden, ob sie die EU verlassen oder mit der Verfassung in der EU bleiben.
Cohn-Bendit forderte die Bundesregierung auf, sich schon vor der Verabschiedung der Verfassung Gedanken zu machen, wie diese in Kraft treten könne. Außenminister Joschka Fischer hatte am Freitag seine Partei aufgefordert, sich zunächst auf den Europa-Wahlkampf und auf die Annahme der Verfassung durch die Regierungskonferenz möglichst noch im Juli zu konzentrieren. Erst dann solle eine Debatte über die Ratifikation beginnen. "Das ist die falsche Reihenfolge", sagte Cohn-Bendit: "Das Inkrafttreten muss schon bei der Regierungskonferenz festgelegt werden. Die Ratifikation ist keine getrennte Schlacht." Es müsse in der Verfassung geregelt werden, wie sie auch bei Ablehnung durch einzelne Staaten in Kraft treten könne.
Für die Teilnahme Deutschlands an einem EU-Referendum müsse das Grundgesetz geändert werden, sagte Cohn-Bendit: "Das ist kein Problem. CDU und FDP haben kein Interesse, das zu blockieren."