Heute feiert Brüssel und zeigt sich in seiner schönsten Pracht. Die Stadt, die seit 2009 einziger Sitz des Europäischen Parlaments ist, bereitet sich auf den hundertsten Geburtstag der Europäischen Union vor. Tausend junge Zivildienstleistende wurden für die "European Tour" engagiert, eine Tournee von 500 Künstlern, die nach dem EU-Beitritt der westlichen Balkanländer ins Leben gerufen wurde. Die Musiker, Literaten und Artisten bereisen auf dem transeuropäischen Schiffs- und Eisenbahnnetz den Kontinent. Ein Netz, das nach dem wirtschaftlichen Erfolg dieser Sektoren im Jahr 2005 entstanden ist. Vergangene Woche wurde die Einweihung der ICE-Strecke von München über Zagreb, Sarajevo, Skopje und Tirana nach Athen gefeiert. Inzwischen gibt es auch den "IGC" (Intercity-Güter-Express), der den Lkw-Verkehr um 40 Prozent reduziert hat.
Diesen Wendepunkt in der Verkehrspolitik hätte es ohne den bedrohlichen Klimawandel sicher nicht gegeben. Durch das Fehlen von Sanktionsmöglichkeiten und einer Politik, die alle für den Ausstoß von Treibhausgasen verantwortlichen Bereiche einschließt, mühten sich die Europäer anfangs sehr, die im Frühjahr 2007 festgelegten Klimaziele zu erreichen. Sie verlegten sich zunächst auf die Entwicklung von Technologien zum Auffangen und Lagern des Kohlendioxids (CO2) in der Erde. Aber erst 2025 waren sie in größerem Umfang einsetzbar. Sofort zeigte sich, dass in der Nähe der unterirdischen Auffanglager Schwermetall- und Feinstaub die Gesundheit der Bevölkerung belasteten. Jahrelang weigerten sich die Mitgliedsstaaten ihre Energiepolitik zu ändern. Durch diese Trägheit scheiterten die von den UN bei der Weltklimakonferenz auf Bali begonnenen Verhandlungen.
Erst der versuchte Anschlag auf das französische Atomkraftwerk in Chinon im Jahr 2018 hat Europa einen heilsamen Schock versetzt. Bis dahin eiferten zwar einige Länder Deutschland und Dänemark nach, den größten Exportländern für Spitzentechnologie im Bereich der erneuerbaren Energien, Frankreich aber hatte sich für Atomenergie und Biokraftstoff entschieden. Nach dem Attentatsversuch von Chinon einigten sich die Europäer endlich auf einen Klimastabilitätspakt mit Sanktionsmöglichkeiten. Dank dieses Paktes, der auf sparsamem Energieverbrauch, effizienter Energienutzung und erneuerbaren Energien beruht, haben wir vor sieben Jahren das Ziel erreicht, den CO2-Ausstoß um 80 Prozent zu reduzieren. Mit Hilfe des Klimapaktes ist es den Europäern auch gelungen, ihre globalen Partner zu überzeugen, ihren Treibhausgas-Ausstoß zu reduzieren und sich für ein "Kyoto Plus" und ein internationales System von Emissionsgrenzwerten zu engagieren.
Erneut brauchten die Europäer ein traumatisches Ereignis, um zu verstehen, dass der europäische Raum als Ganzes gestaltet werden muss, dass seine föderale Struktur dabei seine Stärke darstellt in einer neuen und multilateralen Weltordnung. Heute können wir sagen, dass unsere Nachbarschaftspolitik Früchte trug, indem sie unsere Grenzen sicherte und die Länder des Nahen Ostens zu einer gemeinsamen Wasserpolitik bewegte, mit deren Hilfe die Region ihre Konflikte überwand.
Die Europäische Union hat Zeit gebraucht, um stark zu werden. Die schwindende Macht der Staaten hat schließlich zu einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik geführt, die auch die Sicherung der Energieversorgung einschließt. Das emanzipierte die EU nicht nur von den USA, sondern bescherte ihr auch einen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.
Wir müssen verstehen, dass gemeinsame europäische Politik nicht immer so selbstverständlich war wie heute. Bei jedem Schritt der Integration, wehrten sich die Staatschefs mit Händen und Füssen. Besonders schlimm war es vor dem "Wunder vom Bosporus". Die Türkei, ein wichtiges Transitland für die Gas- und Ölversorgung Europas, hatte für die Verkrampfung des ganzen Kontinents gesorgt. Die Annahme eines Vertrags, der den Türkei-Beitritt erlauben sollte, war schwierig. Aufklärungsfeindliche Gedanken bedrückten das Europa des beginnenden 21. Jahrhunderts. Es zerstritt sich über einen Gottesbezug in seiner Verfassung und über den Vorstoß verstorbenen Papstes Benedikt XVI., das göttliche Recht über die irdischen Gesetze zu stellen. Länder wie Polen wollten die Theorien Darwins durch den Schöpfungsglauben ersetzen, andere blockierten den biotechnologischen Fortschritt. Nicht minder schädlich war der damalige französische Präsident, der ein Ministerium für Einwanderung und nationale Identität gründete. Eine zeitlang igelte sich Europa ein.
Aber an diesem 25. März 2057 können wir festhalten, dass diese schwierige Ära lange überwunden ist. Die europäischen privaten und öffentlich-rechtlichen Funk- und Fernsehanstalten haben gerade das Kommissionsgebäude gestürmt, um die Rede des Kommissionspräsidenten zu übertragen. Eines Präsidenten übrigens, dessen Beliebtheit die seiner Vorgänger bei weitem übertrifft - mit Ausnahme der des ersten Präsidenten, der 2014 direkt vom europäischen Volk gewählt wurde.
Durch ihr weitsichtiges Klima-Engagement, ist die EU das weltweit führende Exportland für Spitzentechnologie geworden. Die durch die Wettbewerbsfähigkeit geschaffenen Arbeitsplätze und Maßnahmen gegen das Altern der Bevölkerung (freie Wahl des Rentenalters, bessere Beschäftigungsmöglichkeiten für Frauen und ältere Arbeitnehmer, eine nachhaltige Erweiterungspolitik und legale Einwanderung) haben für Wiederbelebung und Aufschwung der europäischen Gesellschaften gesorgt. 2022 wurde die Türkei und 2027 die Ukraine aufgenommen.
Der Präsident tritt an das Rednerpult und für den Bruchteil einer Sekunde hält die ganze Welt den Atem an.