Herr Cohn-Bendit, „Party oder Barbarei“, so hatten Sie vor der WM einen Kommentar betitelt. Hat es Sie gewundert,dass das Turnier eine große Party geworden ist?
Mich hat überrascht, wie sehr die Stimmung explodiert ist. Dass hässliche Realitäten, wie No-go-Areas, von denMassen besetzt wurden. Deutschlands dunkle Seiten wurden überschwemmt. Es war eine wahre Indianer-Stimmung. Alle Fans waren bemalt, hatten Fähnlein. Das ist mein Stamm, das ist dein Stamm – und die Stämme haben um die Wette getanzt, gesungen und gesoffen. In dieser Stimmung haben sich die Deutschen hochgespielt.
Noch weiter hochgespielt hat sich Frankreich – bis ins Finale. Sie sind in beiden Ländern groß geworden – für wen schlägt Ihr Herz?
Für Frankreich, weil ich dort in den Fußball hinein gewachsen bin. Die Mannschaft hat mich sehr überrascht.
Welche Bedeutung hat der Finaleinzug in Frankreich?
Eine sehr große. Denn im Unterschied zu Deutschland ist die Équipe Tricolore mit ihren vielen Spielern aus ehemaligen Kolonien Spiegelbild der multikulturellen Gesellschaft. Nach dem Halbfinale habe ich Leute auf der Straße feiern sehen – die mit einer Algerien- Fahne in der Hand die Marseillaise gesungen haben. Der Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich ist doch: Der Idealdeutsche ist Beckenbauer, der Idealfranzose ist Zidane, Sohn algerischer Einwanderer, dessen Eltern in Frankreich nicht mal wählen dürfen.
Zeigt das, dass Frankreich weiter bei der Integration ist?
Es zeigt, wie stark in diesem Land der Wunsch ist, dazu zu gehören. Das beginnt in Deutschland gerade erst – dass Türken oder Serben mit Deutschland-Fahnen feiern
Woher rührt das?
Weil Frankreich immer das republikanische Ideal hatte, dass alle zur Republik gehören. Es wurde allerdings teilweise durch falsche Sozial- und Schulpolitik verraten. ..
... die in den Randalen in Pariser Vorstädten mündeten.
Genau, aber das Ideal gibt’s schon immer. In Deutschland dagegen wurde das Staatsbürgerrecht erst vor ein paar Jahren verändert. Das muss noch wirken. Dass Odonkor oder Asamoah als Deutsche akzeptiert werden, wäre vor 15 Jahren noch unvorstellbar gewesen.
Auch in Frankreich gibt es allerdings Gegner des Multikulturellen – wie den Rechtsextremisten Le Pen, der zu viele Schwarze in der Nationalelf kritisiert hat.
Natürlich ist auch Frankreich da kein Rosengarten. Aber Le Pen stimmen nur 10 Prozent zu. 70, 80 Prozent sehen das anders. Interessant ist ja, dass die französische Nationalelf dem Innenminister. ..
...der gesagt hatte, dass die Aufständischen in den Vorstädten „Gesindel“ seien. ..
...nicht in der Kabine sehen wollte. Weil die Zidanes, Henrys und Thurams sagen: Wir kommen aus diesen Vorstädten. Wir lassen uns so nicht beschimpfen.
Kann sportlicher Erfolg die Probleme vereinfachen?
Er ist nur ein Symbol eines Traumes, wenn aber die Politik nicht stimmt, hilft er nicht.
Was auffällt, ist, wie erfolgreich Afrikaner in der französischen Nationalelf spielen – während Afrikas Fußball bei der WM enttäuschte. Wieso?
In Afrika herrscht immer noch Chaos und Misswirtschaft – das ist das Problem. Nur wenn sich auf Verbandsebene was tut, kann Afrika bei der WM 2010 Erfolg haben.
Bräuchte es in Afrika das französische Modell: einen europäischen Überbau, der farbige Fußballer organisiert?
Schwarze brauchen keinen weißen Anleiter. Es ist einfach ein langwieriger Prozess.
Reden wir zum Schluss über Zinedine Zidane. Wieso ist er für Sie der „Idealfranzose“?
Er ist Einwanderer, seiner Herkunft treu und hat nie geleugnet, wie schwer es ist, hoch zu kommen. In seiner Art ist er Ausdruck der gesellschaftlichen Realität. Daher ist er für Frankreich so wichtig. Indem er vielen zeigt, wie schwer es ist, sich in dieser ungleichen Gesellschaft durchzusetzen, vereint er Frankreich.
Nach der WM tritt Zidane ab: Wie groß ist der Verlust?
Er wird dem französischen Fußball natürlich fehlen. Aber der Gesellschaft bleibt er erhalten, und das ist wichtig.
Das Interview führte TIMM ROTTER