Daniel Cohn-Bendit: Beide sind noch weit von einer absoluten Mehrheit entfernt. Entscheidend wird sein, ob Sarkozy und Royal die Stimmen der Mitte, die François Bayrou auf sich vereinigt, für sich werden sichern können. Beide werden sich dafür in die Mitte öffnen müssen und dürfen zugleich die extremen Flügel nicht vernachlässigen. Sarkozy nicht die extreme Rechte und Royal nicht die extreme Linke.
sueddeutsche.de: Wird Royal das schaffen?
Cohn-Bendit: Royal hat noch alle Chancen zu gewinnen, wenn sie die beiden kommenden Wochen strategisch richtig angeht. Die französische Linke liebt die plakativen Links-rechts-Schemata. Wenn Royal dem nachgibt, dann wird sie allerdings in Ehren verlieren. So wie Jospin 1995. sueddeutsche.de: Bayrou kommt ursprünglich aus dem konservativen Lager. Sollte es da nicht Sarkozy leichter fallen, dessen Wähler für sich zu gewinnen?
Cohn-Bendit: Ganz und gar nicht. Bayrou hat seinen ganzen Wahlkampf gegen Sarkozy geführt. Er war sein härtester Gegner. Jede Stimme für ihn war eine Stimme gegen Sarkozy.
sueddeutsche.de: Welche Bedeutung wird das mit Spannung erwartete Fernsehduell zwischen Royal und Sarkozy haben?
Cohn-Bendit: Ihm kommt eine entscheidende Rolle zu. Das Duell hat traditionell eine sehr hohe Einschaltquote. In der französischen Öffentlichkeit gibt es eine Angst gegenüber Sarkozy und eine Unsicherheit gegenüber Royal. Royal muss in dem Duell den Franzosen Sicherheit geben. Dann wird die Angst vor Sarkozy ihre beste Waffe sein.
sueddeutsche.de: Was würde ein Präsident Sarkozy für Frankreich, für Europa bedeuten?
Cohn-Bendit: Sarkozy steht für jene Spezies von französischen Politikern, die glauben, Europa müsse sich Frankreich unterordnen. Er steht für absolute Unberechenbarkeit. Dieser Mann kann die besten aber auch die schlechtesten Absichten haben, niemand kann es vorhersagen. Sarkozy ist ein Opportunist der Macht. Für ihm nicht genehme Gruppen in der Gesellschaft, für Minderheiten, würden harte Zeiten in Frankreich anbrechen. Er würde alles tun, um seine Macht zu sichern.
sueddeutsche.de: Warum hat es Royal nicht geschafft, schon jetzt vor Sarkozy zu landen?
Cohn-Bendit: Das hätte sie geschafft. Aber von dem Moment an, wo Bayrou seinen Wahlkampf nach Mitte-links ausgerichtet hat, war das nicht mehr möglich.
sueddeutsche.de: Was hat Bayrou so stark gemacht? Bei der Wahl 2002 lag er bei gerade sieben Prozent. Jetzt reicht er nahe an die 20-Prozent-Marke.
Cohn-Bendit: Ein immer größerer Teil der Franzosen hat es offenbar satt, immer entweder nur von den Sozialisten oder nur von den Konservativen regiert zu werden. Bayrou ist jetzt in der schwierigen Situation, dass viele von ihm verlangen werden, sich hinter Royal oder hinter Sarkozy zu stellen. Im Wahlkampf hat er gesagt, er sei weder rechts noch links. Nach diesem Wahlabend ist er weder Fisch noch Fleisch.
sueddeutsche.de: Wird Bayrou eine Empfehlung abgeben?
Cohn-Bendit: Wenn, dann wird er das nur sehr vorsichtig tun. Sein Ziel wird sein, nach den Parlamentswahlen, die in vier Wochen beginnen, stärkste Kraft zu werden. Sollte das gelingen, wird er mit einem von beiden noch zusammenarbeiten müssen.
sueddeutsche.de: Wie bewerten Sie das schlechte Abschneiden des rechtsextremen Le Pen im Vergleich zu 2002? Damals schaffte er es noch bis in die Stichwahl.
Cohn-Bendit: Le Pen hat eine sehr kompakte Stammwählerschaft in Frankreich. Aber die Wahlbeteiligung war diesmal sehr hoch und Sarkozy konnte ihn etwas drücken. Darum ist sein Anteil leicht zurückgegangen. Aber das Potential ist nicht geringer geworden.
Interview: Thorsten Denkler, Berlin