Macht das Licht wieder an !

Süddeutsche Zeitung, 23. Mai 2006

Ist Europa in der Sinnkrise ? Um herauszufinden, was der Befund für die Zukunft der Europäischen Union bedeutet, haben die Allianz-Lectures in München sich mit den Befindlichkeiten eines kosmopolitischen Europas auseinandergesetzt. Eine Diskussion mit Ulrich Beck, SZ-Feuilletonchef Andreas Zielcke, dem Schrifsteller Navid Kermani und Daniel Cohn-Bendit über die Liebhaber Europas und warum die Bayern ein Argument für ein europaweites Referendum über die europäische Verfassung darstellen.

Kein Geld mehr in der Kasse, global nicht wettbewerbsfähig, keine aufmunternden Geschichten, keine Visionen, kein Zutrauen mehr ins eigene Projekt – betrachtet man die Diagnosen der bisherigen Münchner Allianz-Lectures zum Thema Europa, bleibt vorerst nur ein Schluss: der Patient siecht dahin, bettelarm, schwach, apathisch, bar jeder Phantasie. Und nimmt man die vierte Lektion vom vergangenen Sonntag dazu, die in Anspielung auf ein Buch des ersten Redners Ulrich Beck den Titel „Kosmopolitisches Europa“ trug, dann muss wohl leider hinzugefügt werden:Der armeKranke sitzt auch noch im Dunkeln. Die Zusammensetzung seiner Bevölkerung, seine Bürger, vermag er nicht zu sehen.
Es galt also, das Licht wieder anzuknipsen in Sachen der europäischen Einwanderungs- und Integrationspolitik. Eingeladen waren auf die Bühne des Münchner Residenztheaters neben dem Soziologieprofessor Beck und dem Moderator, SZ-Feuilletonchef Andreas Zielcke, der Kölner Schriftsteller und Islamwissenschaftler Navid Kermani sowie die Galionsfigur der europäischen Grünen, der deutsch-französische EU-Abgeordnete und einstigeDezernent für multikulturelle Angelegenheiten in Frankfurt am Main, Daniel Cohn-Bendit.

Globale Zwangsnachbarschaft
„Europas Krise ist eine Kopfkrise!“, rief gleich zu Beginn seines Vortrags Ulrich Beck und machte unmissverständlich deutlich, wo es das Problem der Einwanderung zu lösen gilt: in den europäischen Köpfen. „Wir müssen aus dem Denkkäfig nationalstaatlicher Kategorien ausbrechen!“ Die durch Weltmarkt, globale Risiken und die modernen Kommunikationstechnologien vereinte Welt sei ein Faktum, hinter das nichtmehr zurückgegangen werden könne. Zudem habe etwa in Deutschland schon jeder sechste Einwohner einen Migrationshintergrund, jede fünfte Familie sei binational, jedes vierte Kind habe binationale Eltern. „In München leben 170 Nationen nebeneinander: Die globale Zwangsnachbarschaft aller mit allen ist die conditio humana am Beginn des 21. Jahrhunderts.“
Das sich überall in Europa zeigende Verlangen nach Rückzug in ethnischen Nationalismus sei „nichtRealismus, sondern rückwärtsgewandter Illusionismus“. Kosmopolitismus bedeute im Gegensatz dazu die „gegenseitige Anerkennung, das Verstehen der Anderen und die fortschreitende Selbsterklärung über Grenzen hinweg“. Nur so könne gegenseitiger Hass verhindert werden.Gastarbeiter, Asylanten, Abschiebung – die Worte mit denen in Deutschland, in Europa mit demAnderen, Fremden umgegangen werde, wirkten dagegen unzeitgemäß ausgrenzend: „Die Migranten sind doch die Liebhaber Europas.“
Europa als lebendige Idee vor allem bei denen, dieamRande stehen? Auch Navid Kermani sah die Vordenker Europas auf der Seite der Geringgeschätzten, Marginalisierten: „Der Realist ist nicht der Politiker, sondern der Schriftsteller!“ Diejenigen, die Europa als Idee einer offenen Wertegemeinschaft überhaupt erst erfunden, entwickelt und verteidigt hätten, galten zu ihrer Zeit immer als naiv. Alle europäischen Utopisten, die Kants, Hugos, Heines und Zweigs seien ausgelacht und vertrieben worden. Und doch hätten sie amEnde Recht behalten mit ihrem Glauben an die Idee eines geeinten, multiethnischen, multreligiösen Europa. „Europa verrät sich selbst, wenn es seine größten Befürworter verrät.“

Cohn-Bendits gute Laune
Dass nach Kermanis Lob der Utopisten mit Daniel Cohn-Bendit zwar nicht unbedingt ein klassischer Realpolitiker, aber doch immerhin ein sehr nah an den tagespolitischenEreignissen entlang denkender, realer Politiker folgte, das entbehrte natürlich nicht einer gewissen Ironie. Gut gelaunt und routiniert emphatisch, immerwieder im Gestus des von unzähligen Wahlkämpfen gestählten Redners, plädierte aber auch der ehemalige Studentenführer ganz im Sinn Ulrich Becks dafür, die „zusammengesetzten“ europäischen Identitäten zu akzeptieren: „Wir sollten aufhören, alles in Europa als ein Entweder-oder zu diskutieren.“
In einer kontroversen Diskussion musste so viel visionäre Einstimmigkeit natürlich nicht kulminieren. Dafür war der Weg frei für eine instruktive Skizze eines neuen Modus für die nächste Abstimmung über die gemeinsame europäische Verfassung: Nicht in jedem Land einzeln, so der Europa-Mechaniker Cohn-Bendit, müsse entschieden werden, sondern in einer wirklich europaweiten Wahl. Und wenn mit einer „doppelten Mehrheit“ der europäischen Bevölkerung und der 25 EU-Länder dann für die Verfassung gestimmt worden sei, dann könnten alle Neinsager noch einmal national darüber abstimmen, ob man in Europa bleiben wolle oder nicht. So wäre die europäische Frage endlich einmal nicht der Spielball innenpolitischer Konstellationen. Den Kritikern eines solchen Vorgehens müsse nur eins gesagt werden: „Der Freistaat Bayern hat das deutscheGrundgesetz immer noch nicht ratifiziert.“

JENS-CHRISTIAN RABE "Mit freundlicher Genehmigung von Süddeutsche Zeitung Content" [www.szcontent.de