„Fischer hätte auch verloren“

19. September 2007

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Cohn-Bendit, in Göttingen wurden Sie mit „Aufhören“-Sprechchören bedacht. War das ein Signal für Sie?

DANIEL COHN-BENDIT: Ich bin auch schon 1993 niedergebrüllt worden, als es um Bosnien ging. Ich habe bei Militäreinsätzen eine andere Auffassung als viele Parteifreunde.

Sind das denn noch „Ihre“ Grünen?

COHN-BENDIT: Klar doch. Ich finde es aber problematisch, dass in Göttingen ein Phantom aufgebaut wurde: Es gibt keinen Beweis, dass die Tornados als Unterstützung für die Bombardements im Rahmen von Operation Enduring Freedom eingesetzt sind. Auf der anderen Seite aber gibt es Beweise, dass die Tornados Isaf unterstützen. An der Stelle war es schlicht unsachlich.

... und unsolidarisch?

COHN-BENDIT: Die Grünen wollen solidarisch sein. Aber sie wollen eine Vokabel nicht in den Mund nehmen: Krieg. Ich verstehe das, wie ich auch verstehe, dass sie für einen polizeilich gestützten Wiederaufbau sind. Leider aber führen Teile der Taliban Krieg gegen Isaf. Aber trotzdem finde ich es gut, wenn Deutsche nicht so einfach bereit sind, Krieg zu führen.

Das hörte sich in Göttingen noch anders an, als Sie die Basis als „Kindergarten“ titulierten.

COHN-BENDIT: Ich war natürlich tief enttäuscht. Die Entscheidung zu Afghanistan von den Tornados abhängig zu machen, ist schlichtweg falsch. Es ist legitim zu sagen, Isaf kann den Wiederaufbau nicht schützen, auch wenn das nicht meine Meinung ist. Man kann sich mit dem Argument auseinandersetzen, dass viele Afghanen die fremden Soldaten als Besatzer empfinden. Aber das hat mit den Tornados nichts zu tun. Aber jetzt hören Sie doch auf, immer nach Göttingen zu gucken.

Na gut. Wie stimmen die Grünen im Bundestag ab?

COHN-BENDIT: Die Grünen sollen in einem Papier noch einmal die Position festhalten, dass die Tornados zu Isaf und nicht zum Anti-Terror-Einsatz OEF gehören. Bei der Abstimmung könnten die einen sich enthalten, die anderen dafür stimmen.

Nun ist wieder einmal die Debatte um die Führung entflammt. Ist die Spitze der Grünen überbesetzt?

COHN-BENDIT: Nein. Ich finde, alle die zur Spitze gehören wollen und sich dazu berufen fühlen, müssen jetzt die Schritte diskutieren, wie die Partei nach dem Schock von Göttingen wieder handlungsfähig wird.

Im Moment aber gibt es auf der Kommandobrücke ein ziemliches Hauen und Stechen.

COHN-BENDIT: Das muss aufhören.

Hätte Fischer das verhindert?

COHN-BENDIT: Fischer hat alle Abstimmungen zu Außenpolitik mit militärischen Einsätzen vor Rot-Grün verloren. Und Fischer hätte auch in Göttingen verloren.

Also trauern Sie ihm nicht nach?

COHN-BENDIT: Natürlich gibt es Gründe, Fischer nachzutrauern. Es fehlt seine politische Fähigkeit. Vorbei ist vorbei. Die Grünen müssen heute ohne Joschka leben, morgen ohne Dany, übermorgen ohne noch irgendjemanden. C'est la vie.

Haben die Grünen eine Zukunft?

COHN-BENDIT: Also diese Frage finde ich ja aberwitzig. Ich weiß noch, wie mir jahrelang vorgehalten wurde, Ökologie und Umwelt würden doch nicht interessieren, die Grünen seien überflüssig. Jetzt redet alles von Ökologie. Die Grünen sind Teil des politischen Spektrums. Die Grünen wird es morgen, übermorgen und überübermorgen geben. Mal besser, mal schlechter. Zugegeben: Göttingen war nicht so gut.

Das Gespräch führte Thomas Geisen