Uns geht es gut, Herr Cohn-Bendit?

16. Oktober 2007

Uns geht es gut, Herr Cohn-Bendit?

Der PflasterStrand-Gründer und heutige EU-Parlamentarier Daniel Cohn-Bendit nimmt alle 14 Tage in unserem Heft zur Lage der Nationim Allgemeinen und zur Lage der Stadt Frankfurt im Speziellen Stellung. Spontan am Telefon und nicht ohne ein Augenzwinkern, natürlich ...


1. Spanien räumt auf: Alle Symbole und Denkmäler der Franco-Diktatur sollen aus dem Straßenbild verschwinden. Das will das „Gesetz zum historischen Gedenken“. Vergangenheitsbewältigung per Dekret?

Das ist man den Opfern schon lange schuldig. Hier sind auch keine Hakenkreuze mehr auf den Straßen zu sehen. Und es ist skandalös, dass man in Italien noch immer Mussolini-Bilder kaufen kann.


2. Der Auswärtige Ausschuss des Repräsentantenhauses hat eine Resolution verabschiedet, die den Tod von 1,5 Millionen Armeniern in der Türkei im Ersten Weltkrieg als Völkermord anprangert. Ankara zog seinen Botschafter aus Washington zurück. Bahnt sich eine Krise an?

Ich halte ebenso wie der ermordete armenische Journalist Hrant Dink nichts von politischen Abstimmungen über historische Ereignisse. Das Repräsentantenhaus sollte vielmehr für den Rückzug der US-Truppen aus dem Irak stimmen.


3. Ihr alter Weggefährte Tom Koenigs verlässt aus Furcht zum Jahresende Afghanistan – eine politische Bankrotterklärung?

Furcht erscheint mir eine vorschnelle Interpretation. Vielleicht gab es politische Unstimmigkeiten mit den Vereinten Nationen.


4. Der Literaturnobelpreis geht an die 87-jährige Doris Lessing. Ihr Neffe, Gregor Gysi, ist begeistert, Marcel Reich-Ranicki nannte die Entscheidung „bedauerlich“. Was meinen Sie?

Da hat Reich-Ranicki unrecht. Ich finde das großartig. Ich war mit ihrem Sohn auf der Schule und habe sie in den 1970ern für eine Lesung nach Frankfurt in den Frauenbuchladen geholt. Sie hatte immer den aufrechten Gang einer unabhängigen Frau und hat den Preis längst verdient. Bravo!


5. Um 40 Prozent soll die Mainova ihre Wasserpreise senken, fordert Hessens Wirtschafts-minister Rhiel (CDU). Nur ein Wahlkampftrick oder eine berechtigte Forderung?

Das ist eine berechtigte Forderung, die für den Wahlkampf eingesetzt wird. Ein Trick – und noch dazu ein schlechter – wäre es, wenn Roland Koch versuchte, Dauerregen während des Wahlkampfs als Sonnenschein zu verkaufen.


6. „Aushebelung demokratischer Grundrechte“ nennt die NPD das Verbot ihrer Demonstration im Stadtteil Hausen. Ist das so?

Grundsätzlich darf die NPD demonstrieren. Grundsätzlich nervt sie mit ihren kleinen Scheiß-Demos. Grundsätzlich sollte man einen Autobahnabschnitt sperren, da kann die NPD dann marschieren.


7. Die Erben des Großmarkthallen-Architekten klagen vor dem EU-Gerichtshof, der EZB ist es egal: Ab Frühjahr wird mit dem Neubau im Ostend begonnen. Darf moderne Architektur so in den Denkmalschutz eingreifen?

Es ist richtig, wenn die Stadtgesellschaft mitdiskutiert. Wenn die Erben Elsaessers nun Eigentum an dem Bau anmelden, finde ich das komisch. Das wäre genau so, als wenn die Erben von Jean Eiffel gegen den Anstrich oder die Illumination klagten. Damals waren wir alle gegen den Neubau der Alten Oper, und heute freut sich jeder über den schönen Platz.


8. Der einstige Medienmogul Leo Kirch vergibt mit seiner neuen Firma Sirius 2009 die Medienrechte an der Fußball-Bundesliga. Die DFL kassiert dafür in sechs Jahren drei Milliarden Euro, für die ein Bankunternehmen garantiert ...

Es ist skandalös, dass sich der DFB wieder mit Kirch einlässt. Dahinter steckt Bayern München. Ich wünsche mir, dass diese große deutsche Bank, die das Geld garantiert, reinfliegt. Das fände ich echt cool!


Die Fragen stellte Julia Söhngen