"Grün ist reif"

21. November 2007

von Daniel Binswanger

Öko-Parteien gewinnen an Einfluss, nicht nur in der Schweiz. Daniel Cohn-Bendit ist ihr profiliertester Kopf. Ein Gespräch

Daniel Cohn-Bendit ist eine der grossen Figuren grüner Politik. Er steht für den Aufstieg der Öko-Parteien in Europa, nicht nur in Deutschland, wo er bei den letzten Europa-Wahlen mit den Grünen zehn Prozent geholt hat, sondern auch in Paris, wo er es 1999 als Spitzenkandidat auf erstaunliche siebzehn Prozent brachte. Nicht nur in der Schweiz verbreitern die Grünen ihre Wählerbasis und werden zur potenziellen Regierungspartei. Die Zeit der Fundi-Experimente am linken Rand des Parteienspektrums ist definitiv vorbei. Cohn-Bendit hat viel beigetragen zur Verankerung der Grünen in der europäischen Mitte. Kein anderer 68er hat damals eine so wichtige Rolle gespielt und dann in einem zweiten Leben eine so erfolgreiche Politkarriere gestartet. Der Barrikadenheld «Dany le Rouge» ist zum grünen Superrealo geworden.
Das Gespräch findet im Westend statt, dem Frankfurter Nobelviertel, wo Cohn-Bendit wohnt und von wo er nach Brüssel und Strassburg pendelt. Ist der EU-Politiker der klassische Fall eines arrivierten Alt-Linken? Cohn-Bendit hat ein unverkrampftes Verhältnis zur Vergangenheit und bekennt sich pragmatisch zur Teilhabe an Macht und Verantwortung. Mancher nimmt ihm das übel. Als «Vertreter der globalisierten Eliten» wird er häufig in Frankreich beschimpft. Er kann es gelassen nehmen: Beim urbanen Mittelstand ist er beliebt wie sonst kaum ein grüner Politiker.
Vielleicht liegt es an seinem Talent zur Symbolfigur. Sexuelle Revolution, antiautoritäre Erziehung, Multikulturalität, humanitäre Militärintervention – alle diese Begriffe bezeichnen Reizthemen, die mit dem Namen Cohn-Bendits verknüpft sind. Anders als sein ehemaliger WG-Freund Joschka Fischer hat er nie ein wichtiges Exekutivamt ausgeübt, aber über Debattenautorität verfügt er. Ein gewisser Spass an der Provokation ist ihm heute noch anzumerken. Trotzdem versteht er sich als Realisten und kann sich Bündnisse mit allen Parteien aus dem demokratischen Spektrum vorstellen. Die Ökos kommen in die Jahre. Beginnen jetzt – in der Schweiz, in Deutschland und anderswo – die Jahre der Reife?

Im Europa-Parlament gehen die Grünen Zweckbündnisse mit den Mitteparteien ein. In Italien ist der Partito Democratico entstanden, eine Mitte-links-Partei mit grüner Beteiligung.
Ist das europäische Parlament das Laboratorium für die Allianz der Grünen mit den Zentrumsparteien?
Es ist ein Ort, der zu Allianzen zwingt. In einem nationalen Parlament gehören sie entweder zur Regierungsmehrheit oder zur Opposition. Wenn sie zur Regierungsmehrheit gehören, dann müssen sie die Politik der Regierung verteidigen, wenn sie zur Opposition gehören, dann müssen sie Presseerklärungen gegen die Regierung machen. Das ist dann Politik. Im Europa-Parlament gibt es keine verfestigte Regierungsmehrheit und keine Opposition. Man muss immer eine neue Mehrheit finden.

Klingt fast wie das Schweizer System.
Wenn Sie wollen. Das Europa-Parlament ist jedenfalls ein Ort, wo man intelligente politische Flexibilität praktizieren muss.

Entsteht eine neue Mitte, an der die Grünen sich beteiligen? In der Schweiz spekuliert man darüber, wie weit etwa die Grünliberalen mit dem christlichen Zentrum zusammenarbeiten könnten.
Ich denke, die Schweizer Grünliberalen sollten vor allem mit den Grünen zusammenarbeiten. Denen stehen sie vermutlich immer noch am nächsten.

Die deutschen Grünen haben sich gerade gegen die Stationierung von Bundeswehr-Tornados in Afghanistan ausgesprochen. Sie und die Realos sind gegen die Fundis unterlegen. Werden diese Flügelkämpfe nie aufhören?
Diese Auseinandersetzung wird ewig weitergehen. Es gibt zwei grüne Identitätsmerkmale. Einerseits sind wir pazifistisch und wollen die Probleme nicht mit kriegerischen Mitteln lösen. Andrerseits wollen wir helfen, wo Not herrscht auf der Welt. In dieser Zerrissenheit werden die Grünen bleiben.

Man kann ja auch dazulernen.
Als es 1993 um den Bosnieneinsatz ging, sind ich und die Befürworter einer Intervention mit 25 gegen 600 Stimmen unterlegen. Diesmal waren es 230 gegen 600 Stimmen. Sie sehen: Wir haben höhere Wachstumsraten als die chinesische Volkswirtschaft.

Was sind die Gründe dafür?
Je näher man der Regierungsverantwortung ist, desto klarer wird, dass man sich bestimmten Realitäten stellen muss, dass man zum Beispiel in einem Bündniszusammenhang handelt. Je weiter man von der Macht ist, desto grösser ist der Druck, für ganz neue, eben nicht militärische Lösungen einzustehen.

Die Grünen rücken also in die Mitte.
Das Hauptthema der Grünen, der Schutz der Umwelt, liegt weder links noch rechts. Die politische Ökologie ist ja eine Kritik sowohl des traditionellen Kapitalismus als auch des traditionellen Sozialismus. Sie bekämpft eine Wachstums- und Produktionsideologie, die unsere Lebensgrundlage zerstört. Das hat nichts Klassenspezifisches. Es betrifft alle.

Also doch: Sie stehen in der Mitte.
Was die Ökologie betrifft. In gesellschaftspolitischen Fragen sind die Grünen links. Ausländerpolitik, Frauenförderung, Anerkennung der Rechte von Homosexuellen, Schutz von Bürgerrechten – da haben wir eine klar linke Position.

Keine Gemeinsamkeiten mit den Rechten, nirgends?
Doch, durchaus. Nehmen Sie die Gentechnologie. Da stehen die Grünen auf demselben Standpunkt wie die konservativen Katholiken.

Grün sein ist also ideologisches Multitasking.
Die Grünen stehen in unterschiedlichen Fragen an unterschiedlichen Stellen der Rechts-links-Skala. Das macht die Sache spannend. Es macht sie aber auch schwierig: Je nach Konstellation müssen die Grünen sich Partner suchen und müssen bestimmen, was ihre Funktion in einem Bündnis sein kann.

Droht da nicht Beliebigkeit?
Das ist das Risiko. Es ist der Preis für eine flexible Politik. Aber sehen Sie sich in Europa um: Es gibt im Moment vier Regierungen mit grüner Beteiligung. In Finnland ist es eine Mitte-rechts-Koalition. In Irland und Tschechien ebenfalls. In Italien ist es ein Mitte-links-Bündnis. Die Flexibilität ist bereits Wirklichkeit.

Eine neue Wirklichkeit. Bisher standen die Grünen und ihre Koalitionen doch links.
Man muss das in historischer Perspektive sehen. Es stimmt: Die Grünen haben den Schritt in die Regierungsverantwortung über links-grüne Bündnisse gemacht. Das ist aber nicht für alle Zeiten fest zementiert.

Also läuft die Entwicklung von links in die Mitte.
Noch einmal: Mit der Ökologie standen die Grünen schon immer in der Mitte der Gesellschaft.

Aber Herr Cohn-Bendit, sehen wir uns doch die Biografien der wichtigen Grünen an: Die Partei war ein Sammelbecken für Alt-68er, Alt-Maoisten und was es da Linksaussen sonst noch so gab.
Indem sich diese Leute, an die Sie hier denken, der Ökologie zuwandten, haben sie sich automatisch auf die politische Mitte hin orientiert. Und nicht zu vergessen: Die Gründungsbibel der Grünen in Deutschland war Herbert Gruhls «Ein Planet wird geplündert». Gruhl war ein Ex-CDU-Mann.

Erst heute gibt es in der Schweiz eine Grünliberale Partei. Das wäre vor zehn Jahren schwer denkbar gewesen.
Zugegeben. Das liegt daran, dass heute niemand mehr an den Umweltfragen vorbeikommt. Das, was man vor zwanzig Jahren als grüne Spinnerei qualifiziert hat, ist heute eine anerkannte Realität.

Sind Sie ein Grüner oder ein Grünliberaler?
Schwer zu sagen. Die Spannungen, die in der Schweiz zur Aufspaltung geführt haben, können Sie bei allen Grünen finden, auch in Ländern, wo sie in einer Partei zusammengeschlossen bleiben. Persönlich glaube ich, dass die Schweizer Spaltung etwas künstlich ist und viel mit den beteiligten Personen zu tun hat. In der französischen Schweiz ist man ja zusammengeblieben.

Die Ökologie wird gerade zum Lieblingsthema der Rechten – David Cameron in England, Schwarzenegger in Amerika oder Sarkozy mit seiner Umweltschutzoffensive. Wozu braucht es überhaupt noch die Grünen?
Ich habe in meinem Leben Hunderte von Interviews gegeben, wo man mir sagte: Umwelt und Ökologie interessieren niemanden. Die Leute wollen Arbeitsplätze und Sicherheit. Wozu braucht es da die Grünen? Jetzt sind alle mit der Ökologie beschäftigt, und wieder wird gefragt: Wozu braucht es die Grünen? Irgendetwas geht da nicht auf.

Das ist das Problem aller Themenparteien. Entweder das Thema ist unwichtig, dann interessiert die Partei nicht. Oder das Thema ist wichtig, dann wird es von vielen Parteien besetzt.
Auch Sozialdemokraten haben ein Hauptthema: die soziale Gerechtigkeit.

Sozialdemokraten vertreten aber auch bestimmte Gruppen, nicht nur Themen. Bei den Rechten ist es genauso.
Auch die Grünen sind zur Partei bestimmter gesellschaftlicher Gruppen geworden. Seit den Sechzigerjahren hat sich eine neue, ethisch selbst bestimmte Mittelschicht entwickelt, besonders in den Städten. Diese Mittelschicht findet sich nicht mehr in den drei grossen Familien der Konservativen, der Sozialdemokraten und der Liberalen. Die Grünen sind für diese Schichten immer attraktiver geworden.

Sie sind nicht die Einzigen, die den urbanen Mittelstand umwerben.
Das ist auch gut so. Jetzt geht es darum: Wer hat die besten Lösungen? Es findet eine politische Auseinandersetzung statt, wie wir am besten das Kippen der ökologischen Basis unseres Planeten verhindern. Der Impetus des Aufrüttelns und des Protests ist vorbei. Die spannende Herausforderung ist heute, Regierungspartei zu sein. Man sieht das – um ein Schweizer Beispiel zu zitieren – in Genf, wo Robert Cramer direkt in den Ständerat gewählt worden ist. Cramer war ja in der Stadtregierung und wurde durch sein Wirken mehrheitsfähig. Er setzt sich nicht mit grünem Protest durch, sondern mit grüner Mitgestaltung.

Neben der Ökologie ist ein anderes Thema omnipräsent: Ausländerpolitik. Sie waren Frankfurter Stadtdezernent für multikulturelle Angelegenheiten und haben sogar einen Ehrendoktor für Multikulturalität. Es gibt heute kaum einen Begriff, der so diskreditiert ist wie «multikulti». Die deutsch-türkische Frauenrechtlerin Seyran Ates hat gerade ein Buch mit dem Titel «Der Multi-Kulti-Irrtum» publiziert.
Liegt Ihre Partei da nicht falsch?
Erst mal zu Seyran Ates: Ich mag und respektiere sie sehr. Aber wenn Ates sagt, wir müssen Schluss machen mit dem multikulturellen Ansatz, dann ist das Unsinn. Heute ist überall zu hören: Multikulti ist gescheitert. Was heisst das? Multikulti ist kein Ideal oder eine Ideologie, sondern eine faktische Zustandsbeschreibung. Wir leben in Einwanderungsgesellschaften. Wo Einwanderung stattfindet, ergibt sich eine multikulturelle Gesellschaft. Das ist per se weder gut noch böse.

Haben Sie die Multikulturalität nicht glorifiziert?
Nein. Lesen Sie «Heimat Babylon» (Daniel Cohn-Bendit veröffentlichte das Buch 1993 gemeinsam mit Thomas Schmid). Wir schreiben auf der ersten Seite, dass diese Gesellschaft weder gut noch böse ist. Sie bringt Positives, und sie bringt neue Probleme. Ich habe immer gesagt: Man muss sich der Multikulturalität stellen. Es wurde aber immer aufgenommen, als würde ich behaupten, dass Multikulti das Gute ist.

Und wir haben uns der Multikulturalität nicht gestellt?
Unsere Gesellschaften – ob in Deutschland, in Frankreich oder in der Schweiz – standen der neuen Einwanderung, insbesondere der muslimischen Einwanderung, völlig unvorbereitet gegenüber. Diese Einwanderung wurde im Übrigen nicht von Gutmenschen durchgesetzt, nicht von Kirchen und Friedensgruppen, sondern von Unternehmen, die Arbeitskräfte brauchten. Man hat geglaubt, die Migranten kommen, verdienen ihr Geld und gehen wieder. Dreissig Jahre später ist man aufgewacht und hat gesehen: Die bleiben. So ist die Realität. Zu sagen, Multikulti sei gescheitert, ist ein Nullsatz. Multikulti ist schwierig, ja. Multikulti ist falsch angepackt worden, wahrscheinlich. Multikulti ist überhaupt nicht angepackt worden, leider. Darüber muss heute gestritten werden. Aber wenn Multikulti gescheitert ist, wäre die einzige Konsequenz: raus. Raus mit den Ausländern. Dann sind wir bei Blocher.

Blocher und die SVP sagen nicht «Ausländer raus». Sie sagen: Es gibt zu viele kriminelle Ausländer.
Gut, das ist nicht falsch. Aber Einwanderung ist immer schwierig. Ich bringe mal ein historisches Beispiel. Im 18. Jahrhundert gab es eine grosse deutsche Auswanderung nach Amerika, besonders aus der katholischen Pfalz. Die pfälzischen Bauern liessen sich in der Gegend von Philadelphia nieder, und Benjamin Franklin, ein Jahrhundertgenie, der Erfinder des Blitzableiters, hat Pamphlete geschrieben gegen diese furchtbaren deutschen Einwanderer. Die können sich nicht integrieren, die haben eine andere Kultur, die werden kriminell: Bei Franklin finden sie alle Argumente der heutigen Debatte. Der Kern des Problems war, dass die Bürger von Philadelphia den Sonntag nach der Kirche ruhig im Familienkreis verbrachten, wie gute Protestanten. Die Pfälzer hingegen stellten nach der Kirche Bierzelte auf und hauten auf den Putz, wie gute Katholiken. Das hat die Protestanten so geärgert, dass sie die Bierzelte angezündet haben.

Das Zusammentreffen unterschiedlicher Konfessionen kann also Probleme schaffen. Wie kann man die lösen?
Wir sollten uns zuerst einmal der Tatsache bewusst werden, dass mit der Arbeitseinwanderung eine Veränderung der Bevölkerungsstruktur stattfindet. Das steht auch hinter dem immer wieder aufflackernden Moscheenstreit.

In der Schweiz gibt es eine Volksinitiative zum generellen Verbot von Minaretten.
Ja, und das widerspricht jeder Rechtsstaatlichkeit. Das ist ein Angriff auf die Religionsfreiheit. Aber auch in Deutschland wird um Minarette gestritten. Es
ist wichtig, zu verstehen, worum es da eigentlich geht. Wenn Muslime hier eine Moschee bauen, mit Minarett und allem, was dazugehört, dann bedeutet das: Wir bleiben. Es schreibt fest, dass der Islam eine Religion unserer Länder wird. Das ist natürlich eine radikale Veränderung. Ein paar Jahrhunderte, nachdem die katholische Kirche den Islam vertrieben hat, kommt er zurück, mitten in unsere Innenstädte.

Und wir sollten diese Veränderung akzeptieren?
Wir sollten uns darüber klar werden, dass der Islam ein Teil unserer Gesellschaften werden wird. Es geht doch nicht, dass wir als Touristen die blaue Moschee in Istanbul besuchen und entzückt sind von der islamischen Kultur, dieselbe Kultur aber bei uns nur als Angriff und Bedrohung empfinden. Natürlich bringt diese Veränderung Konflikte mit sich, ganz besonders für den Islam. Der Islam wird zwangsläufig den gleichen Säkularisierungsweg gehen, den andere Religionen in unserer Gesellschaft durchlaufen haben.

Mit der Säkularisierung des Islam gibt es aber nicht zu übersehende Schwierigkeiten. Der Fundamentalismus ist im Vormarsch.
Wie bekämpfen wir den Fundamentalismus? Zuallererst indem wir den Muslimen nicht absprechen, was wir für uns in Anspruch nehmen. Ich habe mich hier in Frankfurt dafür eingesetzt, dass eine Moschee gebaut wird, und zwar eine offene Moschee mit einem Kulturzentrum. Ich respektiere eure Religionsfreiheit, habe ich gesagt, aber ich möchte, dass ihr mich dann einladet, damit ich darlegen kann, weshalb Karikaturen zur freien Meinungsäusserung gehören.

Sind Sie eingeladen worden?
Die Moschee ist noch nicht gebaut worden. Aber der Deal wurde akzeptiert. Und natürlich dürfen wir nicht an unseren Grundwerten rütteln: Wir haben eine Schulpflicht, und da gehören auch die Schulreise und der Biologieunterricht und der Sport dazu.

Genau hier stösst man an Grenzen, besonders in Bezug auf die Rechte der Frauen.
Ich bitte Sie. Wie lange hat es in der Schweiz gedauert, bis die Frauen wählen durften?

Lange.
Eben. Natürlich gibt es eine Frauenunterdrückung in vielen islamischen Gesellschaften und Einwanderergemeinschaften. Das leugnen zu wollen, wäre verrückt. Aber wie ist denn bei uns selber die Emanzipation verlaufen? Alle tun heute so, als wäre der Papst eines Morgens aufgewacht und habe gesagt: Die Frauen müssen befreit werden. Dann hat er eine Enzyklika geschrieben: Christus fordert die Befreiung der Frauen. So lief das nicht. Wir verdrängen, dass die Geschlechtergleichheit von den Frauen gegen die Religionen erkämpft wurde und noch immer wird. Das muss auch im Islam so stattfinden.

Aber die Entwicklung geht doch nicht in diese Richtung. Die Unterdrückung der Frauen nimmt teilweise zu, auch in Einwanderergemeinschaften bei uns.
Deshalb müssen wir Frauen wie Seyran Ates unterstützen. Aber auch sie ist dafür, dass man Moscheen bauen lässt. Der Streit um Minarette ist eine Gaga-Debatte. Wesentlich ist, dass wir jedem das Recht garantieren können, aus seiner Religion auszutreten. Da dürfen wir nicht wackeln. Die einzige Antwort auf den fundamentalistischen Islam sind unsere Ideale von Freiheit, Gleichheit und Toleranz. Nur wenn wir ihnen die Rechte geben, haben sie auch die Pflichten. Als ich Dezernent für multikulturelle Angelegenheiten war, habe ich – auf fast illegale Weise – Mädchen vor Zwangsehen geschützt. Da war es ein Vorteil, dass mich die Eltern nicht als islamfeindlich angreifen konnten. Sie konnten mit mir nur über die Frage streiten, ob sie ihre Tochter gegen ihren Willen zwingen dürfen, in die Türkei zurückzugehen.

Waren Sie nicht häufig machtlos gegen die Familien?
Wir sind auch gegen deutsche Skinheads häufig machtlos. Es gibt immer wieder Fälle, wo die Gesellschaft machtlos ist.

Gerade Zwangsehen sind doch ein Problem, das man unterschätzt hat.
Da ist was Wahres dran. Wir wollten die Diskriminierung von Einwanderern anprangern und haben uns deshalb nicht getraut, hier aktiv zu werden. Man macht immer denselben Fehler. Man suggeriert, dass Opfer gute Menschen sind. Das ist Quatsch. Opfer sind Opfer, keine Gutmenschen. Da gibt es einen Unterschied, der zu differenziertem Handeln zwingt.

Wo muss man jetzt ansetzen?
Unsere Schulen sind nicht fit für die Einwanderung. Zunächst ist die Bedingung der Chancengleichheit die Sprachfähigkeit. Wir müssen die Immigranten in die Lage versetzen, sprachlich wirklich teilzuhaben. Zweitens brauchen wir Gesamtschulen, wo die Kinder lange zusammenbleiben und wo man Potenziale nicht dadurch zerstört, dass früh ausdivergiert wird. Gesamtschulen, Ganztagesschulen, individueller Stützunterricht: Das sind die Stichworte.

Das kostet Geld.
Auch die Repression von Kriminalität kostet Geld. Es gibt nichts zum Nulltarif.

Die Grünen sind dezidiert kosmopolitisch. Schwimmen sie nicht gegen den Strom der Zeit? Überall ist doch wieder der Nationalismus im Kommen.
Für mich sind die Grünen der politische Ausdruck dessen, was Ulrich Beck den transnationalen Blick nennt. Wir bewegen uns auf eine Welt zu, in der wir nach transnationalen Ansätzen suchen müssen. Deshalb ist Europa wichtig. Das ist aber ein historischer Prozess. Das geht nicht von heute auf morgen.

Sie haben vornehmlich bei den urbanen Eliten Erfolg. Der Stadt-Land-Gegensatz bleibt aber wichtig. Auf dem Land ist man mehr national ausgerichtet.
Das ist richtig. Wir sind in den Mittelschichten der Städte verankert. Aber die Ökologie betrifft ja unmittelbar die Frage der Nahrung und der Landwirtschaft. Da nehmen die Grünen durchaus die Interessen der Landbevölkerung wahr.

Die sieht das aber etwas anders.
Wir haben Steigerungspotenzial. Auf dem Land ist man nun einmal konservativer. In Frankreich ist es am allerirrsten. Die Mehrheit der Leute schimpft über die Grünen, unterwirft sich aber der Politik des Bauernverbandes FNSEA, der auf Kosten der Kleinbauern für die Grossbauern lobbyiert. Zwei Drittel der EU-Fördergelder gehen in Frankreich an eine ganz kleine Minderheit von Grossbauern. Trotzdem wird das Thema der Lebensmittelqualität immer wichtiger. Es gibt unglaubliche Wachstumsraten beim biologischen Anbau. Das kommt uns zugute.

Auch die sozialdemokratischen Parteien schwenken heute auf einen wertkonservativeren Kurs ein, etwa bei der Kriminalitätsbekämpfung oder bei der Bejahung nationaler Symbole. Ségolène Royal, die Sie unterstützt haben, setzte auf konservative Werte im Wahlkampf.
Ségolène Royal ist eine nicht verheiratete Frau mit vier Kindern, die die Chance hatte, in den Elysée-Palast einzuziehen. Das wäre eine Kulturrevolution gewesen für Frankreich. Ich teile vieles mit ihr, gerade in ökologischen Fragen, und vieles teile ich nicht. Ich glaube noch heute, dass sie mehrheitsfähig gewesen wäre.

Möglich. Aber selbst für Frau Royal sind Sie doch gesellschaftspolitisch viel zu sehr ein Alt-68er.
Ach Gott, Sie werden sehen, diese 68er-Debatte wird uns jetzt während des ganzen nächsten Jahres begleiten. Was mich fasziniert, ist dieses Rachebedürfnis. Wir müssen ja unglaublich gut gewesen sein. Anders kann man sich das nicht erklären. Vierzig Jahre nach 68 hat das Rachebedürfnis von Leuten, die damals noch in kurzen Hosen rumgelaufen sind, eine absolut sagenhafte Intensität.

Man macht die 68er für ein paar Fehlentwicklungen verantwortlich.
Es existiert ja nichts, was heute schiefläuft, wo wir nicht schuld daran sind. Selbst als es den Tsunami gegeben hat, lag das vermutlich daran, dass alle 68er in eine Richtung geblasen und das Riesending produziert haben, das dann so viele Menschen umbrachte. Eines unserer grossen Probleme damals lag ja darin, dass wir uns für omnipotent hielten. Jetzt glaubt man uns das auch noch.

Dabei war alles halb so wild?
Man muss mal eines sehen: 68 ist passé. 68 ist Geschichte. Unsere Gesellschaft hat mit der Gesellschaft vor vierzig Jahren überhaupt nichts mehr zu tun. Unsere antiautoritäre Revolte damals – mit all ihren Widersprüchen und Lächerlichkeiten –, die kann man nicht daran messen, was sie heute bedeuten würde. Heute bedeutet sie gar nichts mehr, damals aber schon.

Was hat sich denn seither so drastisch geändert?
Nehmen Sie die französische Gesellschaft vor 1968. Eine Frau, die verheiratet war, brauchte eine schriftliche Erlaubnis ihres Mannes, wenn sie eine Stelle antreten oder ein Konto eröffnen wollte. Homosexualität war strafrechtlich verboten. Wenn sie als Student ein Mädchen auf ihr Zimmer mitnahmen und erwischt wurden, konnte die Vermieterin wegen Kuppelei zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden. Ich kann nur sagen: Leute, versetzt euch mal in diese Zeit zurück! Unsere antiautoritäre Revolte galt einer Gesellschaft, die wir heute nicht mehr kennen.

Hat die sexuelle Revolution nicht die Institution der Familie beschädigt?
Ja, richtig, wir sollen auch schuld sein daran, dass die Familien kaputt sind und die Leute sich scheiden lassen. Zugegeben: Die Mehrheit der 68er lebt heute in komplizierten Familienverhältnissen. Aber wenn sie sich scheiden lassen, hat eine Mehrheit von ihnen einen vernünftigen Umgang mit ihren Grossfamilien. Man hat Kinder aus verschiedenen Ehen, aber man kommt zusammen, man sieht sich. Das, meine ich, ist auch eine Frucht der Emanzipation.

Singen Sie jetzt das Lob der Patchwork-Familie?
Ich will sie weder loben noch ablehnen. Wenn jemand siebzig Jahre in derselben Familienstruktur lebt und glücklich ist, sage ich: Maseltov! Wunderbar. Aber anscheinend schaffen es nicht so viele, und zwar nicht nur 68er.

Gut, selbst der französische Präsident ist in Scheidung.
Ich sage immer, Sarkozy hat 68 ohne 68. Glauben Sie, de Gaulle hätte zugelassen, dass ein geschiedener Mann Präsident wird? Dass die Präsidentengattin plötzlich sagt, ich mache, was ich will? Die wahre 68erin ist doch Cécilia.

Und die antiautoritäre Erziehung? Ist die ebenfalls passé?
Ich hatte kürzlich ein Streitgespräch mit Bernhard Bueb (der ehemalige Leiter des Elite-Internates Schloss Salem und Autor von «Lob der Disziplin»). Er meinte: Junge Menschen müssen geführt werden. Dem widerspreche ich nach wie vor: Was junge Menschen brauchen, ist Orientierung.

Fehlt es daran heute nicht?
Das mag sein. Aber im Kern hat die antiautoritäre Erziehung recht: Kinder müssen erzogen werden zu Autonomie. Nur wenn sie autonome Persönlichkeiten werden, haben sie eine Chance, sich im Leben zurechtzufinden. Das ist die Herausforderung. Wir wollen beispielsweise ja auch junge Immigranten, die dem traditionalistischen Druck ihrer Familien widerstehen können. Man kann in diesem Zusamenhang doch nicht plötzlich sagen, autoritäre, traditionelle Familienstrukturen sind uns willkommen. Wir wollen doch gerade junge Frauen, die autonom entscheiden können, ob sie ein Kopftuch tragen wollen oder nicht. Das muss das Ziel der Erziehung bleiben. In der Schule und anderswo.