sueddeutsche.de: Roland Koch hat in Hessen zwölf Prozentpunkte verloren. Kann man mit Ausländerfeindlichkeit nicht mehr punkten?
Daniel Cohn-Bendit: Man kann zu Koch sagen: Mit der Diffamierung von Minderheiten kann man Wahlen im Moment nicht gewinnen - und das ist gut so. Vor allem, wenn das Ersatzhandlung ist. Wenn man die eigene Bilanz nicht verteidigen kann und dann so herumspringt.
sueddeutsche.de: Hat die SPD die Wahlen gewonnen oder Roland Koch die Wahlen verloren?
Cohn-Bendit: Die SPD hat sich in Hessen erholt. Roland Koch hat die Wahlen verloren und wir haben jetzt ein politisches Problem: Wie gestalten wir eine Mehrheit, die nicht die Große Koalition ist? Die ist für die politische Kultur dieses Landes fatal.
sueddeutsche.de: Was halten Sie von Rot-Rot-Grün in Hessen. Das wäre die Mehrheit, mit der man Koch verhindern kann, wie sie selbst gesagt haben?
Cohn-Bendit: Die sechs Linken-Abgeordenten können oder wollen das nicht. Eine Koalition kann nur gemacht werden, wenn alle sagen: Wir wollen sie. Wenn die SPD nicht will und die Grünen nicht wollen, dann wird es beispielsweise Rot-Rot-Grün nicht geben. Man kann das nicht durchboxen. Ich bin für Koalitionen, die man vorher diskutiert - und gegen Koalitionen, die man vorher verneint hat. Das kann nicht funktionieren, da fühlt sich jeder verarscht. Ich finde, die grünen Wähler, die dachten: "Wir erzwingen Rot-Rot-Grün", die haben falsch gedacht.
sueddeutsche.de: Also doch eine Große Koalition in Hessen?
Cohn-Bendit: Für die SPD ist nach dieser Wahl eine Große Koalition unter Koch undenkbar. Die FDP springt nicht, weil sie einen Rütli-Schwur mit Koch und der CDU hat.
sueddeutsche.de: Und was wäre mit einer Ampelkoalition?
Cohn-Bendit: Eine Ampelkoalition mit einem FDP-Verantwortlichen Jörg-Uwe Hahn, der sich die ganze Zeit nicht abgesetzt hat von Kochs Kampagne, ist auch unmöglich.
sueddeutsche.de: Dann gibt es gar keine Regierung.
Cohn-Bendit: Entweder wird es - getreu der Prämisse: alle Demokraten müssen miteinander können - am Ende die Große Koalition geben. Oder man greift zur anderen Möglichkeit: Eine rot-grüne Minderheitenregierung. Rot-Grün soll ein Sofortprogramm in den Landtag einbringen mit vier Gesetzesvorschlägen: zu Schule, Energie, innerer Sicherheit und sozialer Gerechtigkeit. Diese Vorschläge sollen mit dem Nachtragshaushalt zementiert werden. Sonst schauen alle wie das Kaninchen auf die Schlange.
sueddeutsche.de: Und wie soll Andrea Ypsilanti Ministerpräsidentin werden?
Cohn-Bendit: Die Linke könnte sie wählen.
sueddeutsche.de: Dennoch hätte die Koalition auf Dauer keine Mehrheit.
Cohn-Bendit: Rot-Grün könnte dadurch zeigen, dass die Linke im Landtag im Grunde genommen nur die Verhinderung einer progressiven Mehrheit ist. Das muss man jetzt politisch durchfechten und den Widerspruch zu den Linken tragen.
sueddeutsche.de: Müssen sich die Grünen aggressiver mit den Linken auseinandersetzen?
Cohn-Bendit: Das ist eine Frage von Argumenten. Es ist eine inhaltliche Auseinandersetzung, die man aber nicht auf drei Wochen im Wahlkampf beschränken darf.
sueddeutsche.de: Hat die Linke in Westdeutschland den Durchbruch geschafft?
Cohn-Bendit: Ja, ich glaube, dass die Linke in Zukunft eine Partei sein wird, mit der man rechnen muss. Aber der Sieg der Linken kann ein Pyrrhus-Sieg sein. Wegen der lafontainschen rot-grünen Paranoia werden sich die Leute irgendwann die Frage stellen:Wozu brauchen wir die Linkspartei?
sueddeutsche.de: Offenbar versteht sie es besser, mit Themen wie Mindestlohn und soziale Gerechtigkeit zu punkten.
Cohn-Bendit: Die Grünen sind seit Jahren für einen Mindestlohn.
sueddeutsche.de: Nur dass in der Öffentlichkeit niemand die Grünen damit verbindet.
Cohn-Bendit: Klar müssen sich die Grünen und die SPD mit der Linken anders auseinandersetzen als ihnen lieb war.
sueddeutsche.de: Die politische Linke zersplittert sich in Deutschland zusehends zwischen SPD, Grünen und Linkspartei. Warum gibt es da so wenig Bindungswirkung?
Cohn-Bendit: Die Bindungswirkungen werden von Personen gemacht. Entweder gibt es Personen, die binden oder nicht.
sueddeutsche.de: Also hat die Linkspartei die besseren Zugpferde?
Cohn-Bendit: Die Linke hat im Moment zwei Zugpferde, die sich aber eigentlich hassen. Wir gehen auf einen harten internen Machtkampf in der Linken zu. Aber das werden die natürlich total dementieren und sagen: "Dani spinnt!“ Oskar Lafontaine ist und wird für die Linke ein Problem, wie er ein Problem für die SPD war, weil er den unberechenbaren Teil der Linken verkörpert.
sueddeutsche.de: Solange die Linken in Parlamente einziehen, ist nach momentaner Lage die Große Koalition das logische Resultat.
Cohn-Bendit: Irgendwann werden sich die sozial-ökologisch orientierten Menschen in diesem Land die Frage stellen: Sind wird dazu verurteilt, lebenslang mit Großen Koalitionen zu leben? Hamburg wird die nächste sein, wenn es nicht für Rot-Grün reicht.
sueddeutsche.de: In Hamburg wird Schwarz-Grün diskutiert.
Cohn-Bendit: Das geht doch nicht, wenn man alle Wählerinnen und Wähler so listig überrumpeln will.
sueddeutsche.de: Aber es war CDU-Bürgermeister Ole von Beust höchstpersönlich, der diese Option auf die Agenda gebracht hat.
Cohn-Bendit: Von Beust sagt, er will Schwarz-Grün und gleichzeitig ist er für Kochs Kampagne in Hessen. Solange das so ist, wird es nicht Schwarz-Grün geben. Sie können nicht von den Grünen verlangen, mit jemandem zu koalieren, der sich so hinter die Kampagne Koch gestellt hat.