Vor 40 Jahren führte Daniel Cohn-Bendit die Pariser Mai-Revolte an. Im WAZ-Gespräch äußert sich der heute 62-Jährige kritisch über die damalige Bewegung und über sich selbst.
Herr Cohn-Bendit, Sie gehören zu den wenigen, die sich zu den Irrtümern der 68er bekennen. Was ist damals schief gelaufen?
Cohn-Bendit: Moment mal, ich bin einer der wenigen, die sich überhaupt zu 68 bekennen. 68 hat unsere Welt kulturell und sozial total verändert, und zwar im Positiven. Das Individuum ist freier geworden.
Über die 68er herzufallen, gilt momentan als ziemlich schick. Was ist denn auf der politischen Habenseite zu verbuchen?
Cohn-Bendit: Nichts. Denn auf die drängenden politischen Fragen von heute gibt 68 keine Antwort. Das sind zwei Welten. Emanzipation mit der grausamen Kulturrevolution in China zu verknüpfen, dieses Kunststück muss man erst mal bringen! Und dann diese Schwärmerei für die Arbeiterräte der 20er Jahre: Das alles war damals schon politisch rückwärtsgewandt. Deshalb sage ich: Vergesst 68.
1968 standen Andreas Baader und Gudrun Ensslin wegen der Kaufhaus-Brandstiftung in Frankfurt vor Gericht und Sie sagten: „Die gehören zu uns.” Ein Fehler?
Cohn-Bendit: Der Kaufhausbrand war ne völlig wahnsinnige Geschichte, eine naive Provokation. Dafür haben Baader und Ensslin vier Jahre Gefängnis gekriegt. Das Schlimme, was wir, was ich damals nicht gesehen habe: Das war der Beginn einer Logik, die zu den bekannten tödlichen Folgen geführt hat. Aber später ist man immer schlauer.
War die Studentenbewegung verantwortlich für den Terrorismus?
Cohn-Bendit: Sie hat eine politisch-moralische Verantwortung. Der Terrorismus war eine von vielen möglichen Konsequenzen, aber keine zwangsläufige.
Die Verehrung von Diktatoren wie Mao oder Pol-Pot, die Kaltblütigkeit der Terroristen – typisch deutsch?
Cohn-Bendit: Es entstanden damals drei starke terroristische Netzwerke: in Italien, Japan und Deutschland. Ein Zufall? Nein. Das waren die Achsenmächte des Zweiten Weltkriegs. Wir hatten es mit einer jungen Generation zu tun, die an der Verarbeitung der Geschichte gescheitert ist. Die Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer war ein Verbrechen und diejenigen, die ihn umgebracht haben, waren totalitäre Mörder. Das ist ja der Irrsinn. Dass die RAF exakt zu dem geworden ist, was sie bekämpfen wollte.
Was faszinierte die Jugend an der 68er-Bewegung?
Cohn-Bendit: Die Revolte speiste sich überall, ob in Deutschland, Frankreich oder den USA, aus der schroffen Ablehnung der Nachkriegsgesellschaft. Sicherlich, es gab immer mehr Wohlstand. Aber die Wertvorstellungen? Alles war autoritär. . .
. . . und spießig.
Cohn-Bendit: Und wie. Erinnert euch an Frankreich 1965. Wenn eine Frau ein Bankkonto eröffnen wollte, brauchte sie die Unterschrift ihres Mannes. Oder Deutschland: Homosexualität stand unter Strafe, Kuppelei ebenfalls. Wenn sich ein Mann und eine Frau, beide nicht verheiratet, in einem gemieteten Zimmer trafen, konnte der Vermieter angezeigt werden.
Was war in Deutschland anders?
Cohn-Bendit: Hier ging die Kritik an den Lebensformen tiefer. Die anti-autoritäre Bewegung kritisierte die Spießerfamilie und entwickelte neue Lebensformen, zum Beispiel die Wohngemeinschaft. Eine ganz andere Dimension hatte die tiefgreifende Aufarbeitung von Krieg und Holocaust. Kinder stellten massenhaft ihre Eltern zur Rede, wollten wissen, ob sie selbst auch Täter waren.
Willy Brandt begeisterte 1969 mit: „Mehr Demokratie wagen”, dann gab es den Radikalenerlass. Haben die 68er letzten Endes politische Reformen verzögert?
Cohn-Bendit: Nein, es gab viele Reformen, nehmen Sie allein die Reform des Paragrafen 218. Der Radikalenerlass, zu dem sich die SPD absurderweise hat verleiten lassen, resultierte aus dem tief sitzenden Antikommunismus. Ein beliebtes Argument lautete ja: Wenn's dir hier nicht passt, dann geh doch nach drüben. Auf einer Demo habe ich mal den Spieß umgedreht, indem ich einem Passanten entgegenhielt: „Wenn dir nicht passt, dass wir demonstrieren, dann geh' doch nach drüben. Dort sind Demonstrationen verboten.” Da waren alle baff.
Kritiker beklagen den Verlust von Werten wie Fleiß, Pünktlichkeit, Disziplin. War 68 Aufbruch in die Faulheit?
Cohn-Bendit: Wir hatten neulich ein Treffen von 68ern, auf dem die meisten berichteten, dass sie als Kinder von ihren Vätern und Lehrern verprügelt wurden. 68 war eine Revolte gegen autoritäre Erziehung. Heute erleben wir den Angriff auf die Kuschelpädagogik. Aber wollen wir wirklich, dass sich unsere Kinder wieder ducken müssen? Selbstverständlich haben wir Grenzen zu setzen. Aber wir müssen akzeptieren, dass sie infrage gestellt werden. Nur in der Auseinandersetzung bilden Kinder und Jugendliche ihren eigenen Charakter.
Sie protestierten vor 40 Jahren gegen den Vietnam-Krieg und befürworten jetzt den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Wie passt das zusammen?
Cohn-Bendit: Ich bin im Frühjahr 1945 in Frankreich geboren, ich bin gezeugt worden bei der ersten biologischen Möglichkeit nach der Landung der Alliierten in der Normandie. Ohne sie würde ich nicht existieren. Soll heißen: Es gibt für mich historische Momente, in denen militärische Intervention notwendig ist. Der Vietnamkrieg der Amerikaner hingegen war falsch und verbrecherisch, weil er wahnsinniges Elend geschaffen hat. Andererseits bestand nach dem 11. September die akute Gefahr einer völligen Destabilisierung des Mittleren und Nahen Ostens durch die Taliban. Mehr noch: Sie attackieren eine Weltordnung, die auf Ausgleich und Frieden basiert. Deshalb fand und finde ich die Intervention in Afghanistan richtig.
"Unsere Gesellschaft hat sich emanzipiert"
Nicht nur auf der Straße, auch in den Betten war viel los. Hat es mit der sexuellen Befreiung geklappt?
Cohn-Bendit: Aber ja, unsere Gesellschaft hat sich emanzipiert, alles ist viel freier.
Mit Nicolas Sarkozy kam gar die Erotik an die Macht. . .
Cohn-Bendit: Ein zweimal geschiedener Staatspräsident! De Gaulle dreht sich 15-mal im Grab um. Das ist heute eine völlig andere Welt. Wenn ich Sarkozys Lebenswandel sehe, bin ich dagegen ein Erzkonservativer. C'est la vie.