Frankfurt/Main (AP) Daniel Cohn-Bendit gehörte zu den führenden Köpfen der 68er-Bewegung. Im Interview mit AP blickt der heutige Europaabgeordnete der Grünen zurück.
Wie wurden Sie 1968 zu einem der Wortführer der Protestbewegung?
Ich bin nicht der Wortführer, sondern der Lautsprecher einer Bewegung gewesen. Vielleicht habe ich die Fähigkeit, das, was viele denken, im richtigen Moment auszudrücken. Es gab kein Schlüsselerlebnis für mich. Ich war schon in der Schule
politisiert; als ich nach Frankreich zum Studieren ging, gehörte
ich einer kleinen libertären Gruppe an. Das war eine logische Entwicklung. Im November 1967 gab es einen großen Streik an der Universität Nanterre, so bin ich meinen Weg gegangen.
Wogegen richtete sich der Protest?
Es war ein moralisch-autoritäre Gesellschaft. Bis 1965 musste eine Ehefrau in Frankreich, die ein Bankkonto eröffnen wollte, die schriftliche Erlaubnis ihres Ehemannes haben. In Deutschland war die Homosexualität verboten. Vermieterin konnten wegen Kuppeleiangezeigt werden, wenn sich ein nichtverheiratetes Paar in der Wohnung traf. Viele Kinder wurden von ihren Eltern geschlagen. Man hat das nicht mehr im Kopf, was das für eine Gesellschaft war. Wir wollten uns die Freiheit nehmen, so zu leben, wie wir denken und nicht so, wie man leben sollte. Parallel dazu lief der Protest gegen den Vietnam-Krieg. Zudem wollten wir eine Demokratisierung der Gesellschaft.
Was waren die Unterschiede zwischen dem Pariser Mai und Deutschland?
In Deutschland ging die Bewegung in den gesellschaftlichen Veränderungen tiefer. Die ganze Pädagogik wurde in Frage gestellt, es entwickelte sich eine Alternativgesellschaft, etwa mit Wohngemeinschaften. Auch hatte die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte eine ganz andere Dimension und Dramatik. Die Fragen der Kinder, was ihre Eltern und Großeltern im Nationalsozialismus getan haben, prägte die deutsche Gesellschaft nachhaltig.
Was waren die Ziele von 1968?
So eine soziale Bewegung lässt sich nicht auf zwei, drei Punkte zusammenfassen. Es war eine widersprüchliche Bewegung, es gab ein tiefes Bedürfnis nach Emanzipation, und gleichzeitig hing ein Teil der Bewegung autoritären Ideologien nach. Emanzipation von der kapitalistischen Gesellschaft mit dem Vorbild der chinesischen Kulturrevolution - das muss man erst mal bringen.
Hätte es den RAF-Terror ohne die 68er gegeben?
Wir müssen selbstkritisch sagen, dass wir eine politischmoralische Verantwortung für diese Entwicklung haben. Der Terror war keine logische, aber eine mögliche Folge von 68. Es wäre falsch zu sagen, die RAF habe mit 68 nichts zu tun. Aufgrund der Widersprüche war so eine Interpretation möglich. Man konnte, wenn man Dinge, die damals immer gesagt wurden, falsch zuspitzte, zu so einer Position kommen. Wenn der Hauptwiderspruch der zwischen der Ersten und der Dritten Welt ist, dann ist es legitim, sich mit Emanzipationsbewegungen der Dritten Welt zu solidarisieren, in Algerien, China, Vietnam, am Ende mit den Palästinensern. Sartre hat den Anschlag auf die Olympischen Spiele in München 1972 bejaht. Das war harter Tabak. Wenn man nur die falschen Ansätze von 68 aneinanderknüpft, dann kommt man zum total Falschen.
Was ist von 1968 geblieben?
Nichts. Warum? Weil die Gesellschaft eine ganz andere ist, weil die Gesellschaft weitergegangen ist.
Was sagen Sie zu dem Vorwurf, die 68er seien für einen Werteverfall verantwortlich?
Das ist nicht wahr. Es gibt keinen Wert von damals, den die Konservativen heute zurückhaben wollen. Wollen sie wirklich wieder Prügelpädagogik, die Gleichheit von Mann und Frau zurücknehmen, Beziehungen unter Minderjährigen und die Homosexualität verbieten? Die Ablehnung dessen, wogegen sich die 68er aufgelehnt haben, ist heute Allgemeingut. Jetzt wird wieder gesagt: Die Eltern müssen Autorität über die Kinder haben. Als ob irgendein 68er das bezweifelt hätte! Die Frage ist, wieweit können Kinder, wenn sie groß werden, diese Autorität nachvollziehen. Die Debatte darf heute nicht mit den Inhalten von vor 40 Jahren geführt werden. Da wird gesagt: Die Antiautoritären sind schuld daran, dass unsere Schulen heute nicht funktionieren. Das ist Unsinn. Wenn Migranten, wenn Jugendliche in unserer Gesellschaft Probleme haben, dann nicht, weil sie geprägt sind von der Ideologie der 68er. Es ist nicht wahr, dass die 68er argumentiert hätten, man solle keine Grenzen setzen. Man kann aber über die Art streiten, wie diese gesetzt werden sollen, wie die Grenzen aussehen, wie argumentativ oder wie autoritär sie vertreten werden.
Was haben die 68er verändert?
Wir haben sozial und kulturell gewonnen. Damals fing eine Veränderung an hin zum individuellen Recht, sein Leben selbst zu bestimmen. Das ist heute im allgemeinen Bewusstsein.
Ein Motto damals hieß: Verbote verbieten!
Wir kämpften gegen eine Gesellschaft von Verboten. Aber 68 ist die letzte Revolte, die vom Ozonloch nichts gewusst hat. Wenn man den 68ern gesagt hätte, in den Kneipen dürfe nicht mehr geraucht werden, hätten die Barrikaden gebaut.
Was ist ihre schönste Erinnerung an diese Zeit?
Als ich aus Frankreich ausgewiesen wurde, gab es im Mai 1968 eine Großkundgebung in Paris. Hunderttausende, Franzosen und Nicht-Franzosen, Schwarze wie Weiße, Muslime wie Juden, demonstrierten unter der Parole: Wir sind alle deutsche Juden. Das war Ausdruck des Wunsches nach einer anderen, solidarischen Gesellschaft.