Herr Cohn-Bendit, Rot-Grün, Rot-Grün-Rot, Schwarz-Grün, Jamaika oder Ampel - wie hätten Sie´s gerne?
DANIEL COHN-BENDIT: Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass wir eine veränderte Parteien-Landschaft haben. Diese Veränderung erfordert geistige Beweglichkeit. Das heißt, man muss herausfinden, welche Machtverhältnisse möglich, nötig oder erstrebenswert sind.
Der Zwang zur Beweglichkeit löst bei den Grünen Konfusion aus.
COHN-BENDIT: So klar sind weder CDU, SPD oder FDP, weil bei denen überhaupt keine Bewegung ist. Beispiel Hessen: CDU sagt: große Koalition - ist nicht gerade beweglich. FDP sagt: Schwarz-Gelb, sonst nix - ist ja nicht gerade beweglich. Ypsilanti sagt: Ampel - die niemand will. Und sich glaube auch nicht, dass bei uns die Konfusion am größten ist. Ich interpretiere das Wahlergebnis in Hessen als den Wunsch nach einer Mehrheit jenseits von Schwarz-Gelb.
Und die SPD zieht mit?
COHN-BENDIT: Was soll sie denn machen? Nach diesem Wahlkampf kann doch keine Partei eine Koalition mit der CDU eingehen. Ich bin sicher: Eine rot-grüne Minderheitsregierung mit Frau Ypsilanti an der Spitze bekäme mit Unterstützung der Linken die Mehrheit.
Warum kommt es in Deutschland gerade im linken Spektrum immer wieder zu größeren Abspaltungen?
COHN-BENDIT: Die ökologische Frage wurde von keiner Partei so richtig gesehen. Die traditionelle soziale Frage wurde von der Clement/ Schröder-SDP im Grunde genommen nicht durchbuchstabiert. Die Sozialdemokratie - auch in Frankreich und Italien - musste, um regieren zu können, ins Zentrum der Gesellschaft und hat so Raum geschaffen auf der linken Seite. Zuerst für die Grünen, jetzt für die Linkspartei.
Nach Hessen hat die Diskussion auch bei den Bundes-Grünen eingesetzt. Sortieren sich hinter dem Ziel, die Regierung Merkel abzulösen, die politischen Inhalte?
COHN-BENDIT: Nein. Die Inhalte sind definiert durch die neoliberale Politik von Merkel und Westerwelle. Entweder es gibt nach der nächsten Bundestagswahl eine schwarz-gelbe Mehrheit oder eine Mehrheit jenseits von Schwarz-Gelb.
Also auch im Bund?
COHN-BENDIT: Rot-Rot-Grün ist umsetzbar in Hessen, aber momentan noch kein Modell für den Bund, weil wir dort über Afghanistan, Europa oder die Verantwortung der Deutschen in der Welt reden.
Aber irgendwann stellt sich die Frage doch auch auf Bundesebene?
COHN-BENDIT: In Ihrer Frage steckt im Prinzip schon die Antwort. ´Irgendwann´, 2009 vielleicht. Wir müssen jetzt die Probleme in Hessen lösen. Dann Hamburg, dann Europawahl. Für die Bundesfrage gibt es noch zu viele Unbekannte.
Führende Grüne transportieren das Problem über Hessen hinaus.
COHN-BENDIT: Das ist das Problem dieser Grünen.
Haben Sie keine Sorge, dass die Grünen zwischen den Blöcken oder innerhalb des linken Spektrums zerrieben werden könnten?
COHN-BENDIT: Nein, nein. Alle Parteien sind im Moment in einem Strudel, in einem Richtungskampf. Das ist so in der CDU, in der SPD gibt es eine Ypsilanti, aber auch einen Clement. Also, man sollte nicht so tun, als seien die Grünen die einzigen, die von der neuen Unübersichtlichkeit ins Mark getroffen würden.
Apropos Unübersichtlichkeit: Wird die Struktur, sprich das Doppelspitzen-System, bei den Grünen bleiben?
COHN-BENDIT: Das ist ein Nebenkriegsschauplatz. Manchmal hat man einen Fischer; manchmal hat man einen, der es anders macht; dann hat man zwei. Das ist alles nicht so wichtig.
INTERVIEW: Thomas Geisen