1. Wie ist der Frühlingsanfang bei Ihnen in Frankreich? Wen werden Sie in den April schicken?
Och, hier scheint die Sonne, es ist sehr angenehm. Vor allem sehe ich, anlässlich des 40-jährigen Jubiläums vom Mai 68, mein Foto in allen Magazinen … Am liebstens hätte ich natürlich Nicolas Sarkozy in den April geschickt. Doch ich sehe ihn erst am 7. April, um über die nächste EU-Präsidentschaft zu reden. Ich werde mir also was anderes einfallen lassen müssen.
2. Dann haben Sie wenigstens Sonne … In der Beziehung zwischen England und Frankreich scheint ja auch eine neue Sonne aufgegangen zu sein: nämlich Frau “Eleganz” Sarkozy …
Eine atomare Sonne, ja! England sucht seit Ewigkeiten nach einem Ersatz für Lady Di, und die hat es in der Person von Carla Bruni-Sarkozy gefunden. Sie passt zur Entscheidung der Engländer für die Modernität. Aber Sarkozy: Pass auf Prinz Charles auf! Er ist ein Charmeur, und Camilla ist nicht mehr die Jüngste …
3. Die französischen Medien sprechen von einer angeblichen Stiländerung des Präsidenten. Man redet vom Ende der “bling bling”-Ära. - Beweist er tatsächlich mehr Seriosität und Zurückhaltung?
Es stimmt, dass er sich momentan anstrengt, weniger Irrlicht zu sein. Aber Nicolas bleibt Sarkozy. Bleibt offen, wie lange seine Nerven das aushalten werden, wie lange er seine krankhafte Eifersucht beherrschen wird … Die Wetten laufen!
4. Sind Ihrer Meinung nach die Ergebnisse der Kommunalwahlen die Konsequenz aus dem Überdruss der Bevölkerung (zu allem Überfluss kommt auch noch der Sohn von Sarkozy auf die politische Bühne)?
Es ist offensichtlich, dass die Franzosen der Extravaganzen ihres Präsidenten überdrüssig werden. Doch man darf nicht aus dem Blickt verlieren, dass so kurz nach den Präsidentschaftswahlen ein solcher Rückschlag nichts Außergewöhnliches ist. Die rechten Wähler haben die Wahlen aufgegeben. Es handelt sich hier also viel mehr um ein Nachlassen der Rechten als um einen wahren Sieg der Linken. Diese (le Parti Socialiste) versinkt ohne würdigen Fahnenträger weiterhin in völliger Ratlosigkeit. Nur der LCR von Olivier Besancenot geht es blendend, sie befindet sich gerade in völliger Restrukturierung. Aber wie die deutsche “Linke” sind sie besser im Neinsagen als darin, eine realistische Alternative anzubieten. Die Negation ist viel einfacher als die Konstruktion. Was Sarkozy Junior angeht: Man kann ihn noch längst nicht ernst nehmen. Sein politischer Auftritt ist eher symptomatisch für die aktuelle Mode und ihre Dynastiekrankheit.
5. Sarkozy bietet den Engländer eine “entente amicale” … Was ist denn mit uns Franzosen und Deutschen? Die Zeiten des Sprichworts “Jeder Stoß ein Franzos’” sind zwar lange her, aber irgendwie wirkt unser Verhältnis doch gestört …
Nein! Man muss aufhören, alles sofort zu dramatisieren. Unser Verhältnis ist keinesfalls gestört. Sarkozy versucht lediglich sich England anzunähern, was das Militär und die Atomenergie angeht. Das wahre Problem gerade zwischen Frankreich und Deutschland liegt eher darin, dass Sarkozy versucht, uns rücksichtslos Tony Blair als Präsident der EU anzudrehen. So was wäre ja die absolute Katastrophe. Ein politisches Europa interessiert die Engländer nicht die Bohne. Das Einzige, was denen wichtig ist, ist ein marktwirtschaftliches Europa.
6. Doch um unser Freund zu sein, muss Frankreich weder nach einem gemeinsamen Atomenergieprogramm streben noch 1000 zusätzliche Soldaten nach Afghanistan schicken …
Es kommt drauf an, falls die CDU und die FDP über eine absolute Mehrheit verfügen würden, würde Deutschland augenblicklich für ein nukleares Europa stimmen. Was Afghanistan angeht: Es ist viel verwerflicher, weitere Soldaten zu entsenden, lediglich um einigen Alliierten zu gefallen. Und das, ohne über die militärische, zivile und politische Strategie zu debattieren.
7. Aber irgendwie fühlt man sich doch vernachlässigt, wenn der französische Präsident deklariert: “Heute bleibt die französisch-deutsche Antriebskraft unentbehrlich, jedoch ist sie nicht mehr ausreichend.”
Aber jeder sagt doch seit Langem, dass die französisch-deutsche Achse nicht mehr ausreichend ist … Aber man kann zurzeit weder von einer Achse noch von einer französisch-englischen Antriebskraft sprechen! Das Vereinigte Königreich ist seit Jahren nur eine Bremse für Europa. Es ist nicht in der Euro-Zone, hat nicht die Grundrechtscharta ratifiziert und obendrein ist es Euro-Skeptiker.
8. Allerdings scheint Frankreich mutig zu sein: Zum Beispiel wenn es beim Europäischen Parlament den Boykott der Olympischen Spiele beantragt …
Nein, Sarkozy macht gerade einen Rückzieher. Wir (die Grünen) sind es, die beim Europäischen Parlament den Boykott der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele beantragt haben. Aber was mir viel wichtiger scheint: Wir müssen in Peking für Chaos sorgen. Ich rechne mit all den Bürger-Journalisten, Bürger-Sportlern und Bürger-Zuschauern, die durch Symbole auf der Tribüne ihre Solidarität mit Tibet und allen anderen Märtyrern der chinesischen Repression ausdrücken.
9. Frankreich überlegt sich, dem gefallenen Diktator der Anjouan-Insel (Komoren), General Mohamed Bacar, politisches Asyl zu gewähren. Trotz der aktuellen polizeilichen Repression in Frankreich, der gesetzten Ausweisungsquote von 25 000 illegalen Einwanderern und deren Schwierigkeiten, den Status eines politischen Asylanten zu erreichen. Das ist ein bisschen fragwürdig, oder?
Einerseits muss man schon den Rücktritt der Diktatoren ermöglichen. Andererseits stimmt es, dass die aktuelle Ausweispolitik Frankreichs unzulässig ist. Die Situation der Einwanderer ist in Frankreich extrem schwierig. Auch für diejenigen, die “echte” politische Flüchtlinge sind. Auch wenn die Medien immer weniger darüber berichten, das Problem bleibt weiterhin unterschwellig bestehen.
10. Aah - und zum Schluss zur Eintracht. Die Oberen haben tatsächlich von einem Auswärtstrikot Abstand genommen, das ein Kreuz auf der Brust zeigt - aus Angst vor muslimischen Reaktionen. Das geht doch wirklich zu weit!
Ja, es ist lächerlich. Man soll mit dem Korinthenkacken aufhören.
Interview: Ghislain de la Chaise