68 hat die Welt verändert. Aber heute brauchen wir eine andere Debatte.

15. April 2008

Interview mit den Aachener Nachrichten

Sie sagen: Vergesst ’68. Wie meinen Sie das?  

Das heißt nur: Es war einmal. Die ständige Reinszenierung der 68er-Debatte bringt uns nicht weiter. 68 hat die Welt verändert, ob man‘s mag oder nicht. Aber heute ist diese Gesellschaft eine andere, und deshalb brauchen wir eine andere Debatte. 

Worin liegen die Unterschiede?


Sehen Sie: Arbeitslosigkeit, Klimawandel, Aids, Globalisierung, Überalterung – das kannten wir doch alles nicht. Also können Sie heute nicht die gleichen Debatten wie damals führen.

 

Was ist geblieben von 68?


68 war eine Forderung nach Demokratisierung. Wir haben sozial und kulturell gewonnen, aber politisch verloren. Und das war gut so. Für eine freie Gesellschaft zu kämpfen im Namen Kubas oder der chinesischen Kulturrevolution war ein Fehler. 68 hat die Demokratie vollendet. Plötzlich entdeckte Deutschland, was eine wilde Gesellschaft ist. Das gehört zur Demokratie! Die Achtundsechziger haben in Deutschland, aber auch allen anderen Industrienationen, aufgeräumt und gesagt: Unsere Idee vom Leben entspricht nicht den Vorstellungen der Kriegsgeneration. Ich sage das nicht aggressiv. Die Kriegsgeneration hat Grausames erlebt, auf unterschiedlichen Seiten und mit unterschiedlichen Verantwortungen. Deshalb waren sie politisch ängstlich und haben in einer völlig abstrusen Moral Schutz gesucht. Das ist 1968 explodiert.

 

Wieviel hat ‘68 mit der Gewalt, dem Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) zu tun?


Viel. Wir haben eine politische und moralische Verantwortung. Wer das bestreitet, ist genauso verlogen wie die Nachkriegsdeutschen, die jede Verantwortung für den Nationalsozialismus leugneten. Wie die Nazis war auch die RAF keine Barbaren, die von irgendwoher kamen.

 

Was verstehen Sie unter Verantwortung?

Wenn man alles Falsche, was damals gesagt wurde, aneinanderreiht, kann man zu den katastrophal falschen Schlüssen der RAF kommen. Ich betone: Man kann. Aber Sie müssen auch sehen: Die entscheidenden Terrorgruppen der 70er und 80er Jahre finden sich in Deutschland, Italien und in Japan – den Achsenmächten des Zweiten Weltkriegs. Das war kein Zufall, sondern eine Folge einer nicht erfolgten Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.

Und Daniel Cohn-Bendit selber?


Der war immer ein radikaler Antikommunist. Als ich 1968 nach Deutschland kam, habe ich gesagt: Der bessere der beiden deutschen Staaten ist die Bundesrepublik, die DDR ist ein totalitärer Staat.

 

Manche sagen, im Vergleich zu den Achtundsechzigern sei die heutige Jugend angepasst und unpolitisch.


Das stimmt nicht. Die jungen Leute führen den Kampf, den Sie heute führen müssen. Es ist viel schwieriger, heute jung zu sein.

 

Warum?


Weil die Jungen Angst haben vor der Zukunft. Das ist der Unterschied: Wir hatten damals keine Angst vor. Sie sind nicht angepasster, sondern sie leben unter schwierigeren Bedingungen. Ich bin nicht der rote Großvater, der dauernd erzählt: Wir hatten damals mehr Mumm als ihr. Das ist Unsinn.

 

Sie beschreiben eine Vielzahl politischer Probleme. Wie lauten denn Ihre Antworten?

Ich denke, dass die Grünen diese Antworten haben. Ob sie aber mehrheitsfähig sind, ist eine ganz andere Frage. Denn wir müssen unsere Lebensweise verändern, und das ist schwierig.

Ein Beispiel?

Wenn wir den Klimawandel bremsen wollen, müssen wir unsere Produktionsweise verändern, andere Autos fahren, weniger Energie verbrauchen. Wir müssen uns fragen, ob wir zu entscheidenden Veränderungen bereit sind, um unsere Zukunft zu sichern.

Gibt es in den europäischen Gesellschaft unterschiedlich große Differenzen zwischen den Gesellschaften und der Politik?  

Ich glaube, die Erwartungshaltung der Bürger ist überall ähnlich. Wir erleben in ganz Europa eine Umbruchsituation. Und die Politik soll die Probleme lösen. Aber ohne gesellschaftlichen Wandel geht das nicht. Die Rentenfrage kann man nicht nur zu Lasten der Jungen lösen. Sondern wir werden den Generationenvertrag verändern müssen – das ist in Deutschland genauso wie in Frankreich.

Aber die Herausforderungen sind doch schon lange bekannt. Trotzdem gibt es – gerade in den sogenannten Volksparteien – eine Reihe von Politikern, die die Probleme lieber verdrängen.

Das ist der Preis der Demokratie.

Wie bitte?

Ganz einfach: Mit notwendigen richtigen Entscheidungen können Sie Wahlen verlieren. Da müssen sich Politiker halt immer wieder aufs Neue entscheiden.

Und wie haben Sie sich entschieden? Für Wahlerfolge oder Klartext?

Für beides (lacht). Ich habe es aber auch leichter. CDU und SPD tun sich deutlich schwerer damit als die Orientierungsparteien Grüne, FDP und Linke. Die kleineren Parteien können in der Tat klarer reden – auch klarer Unsinn reden. 

Hätten Sie sich vor zehn Jahren träumen lassen, dass die Grünen wie jetzt in Hamburg mit der CDU Koalitionsgespräche führen?  Das ist ein Zeichen für die

Stärke und Veränderung unseres demokratischen Systems.

Das klingt jetzt aber sehr staatsmännisch für Ihre Verhältnisse.

Es ist aber so! Ein Beispiel: 1989 hat die Frankfurter CDU ein Wahlplakat mit meinem Konterfei gemacht, auf dem stand: „Können wir so einem Mann unsere Stadt überlassen?“ Das würden die heute nicht mehr machen. Oder: Jahrelang hat die CDU in Frankfurt die Abschaffung des Amtes für multikulturelle Angelegenheiten verlangt. Und was haben sie getan, als sie an die Macht kamen? Sie haben das Amt nicht abgeschafft. Sie haben es noch nicht einmal umbenannt.

Wer hat sich denn da mehr verändert, die CDU oder Ihre Partei?

Die Union. Warum? Die CDU weiß, dass Schwarz-Grün für die Grünen auch aufgrund ihrer Wählerschaft sehr schwierig ist. Wenn sie es dennoch wollen, müssen viele Zugeständnisse machen. Sie werden in der Hamburger Schulpolitik Dinge erleben, die noch vor drei Monaten unmöglich waren. Und Sie werden mit den Ohren schlackern, was Roland Koch den hessischen Grünen alles anbieten wird, um sie doch noch in ein Jamaika-Bündnis mit CDU und FDP zu holen. 

Tatsächlich?

Ja. Roland Koch macht zwar im Bierzelt Stimmung, aber der meint das gar nicht so. Koch hat ein absolut instrumentelles Verhältnis zum Poltern.