Uns geht es gut, Herr Cohn-Bendit

10. Juni 2008

1. Der nächste US-Präsident könnte Barack Obama heißen. Hat er eine Chance in Amerika?

Zunächst mal: Es ist eine ehrensinnige Entwicklung, dass die Vereinigten Staaten einen Schwarzen als Kandidaten haben, der reelle Chancen hat, Präsident zu werden. Dauernd wird gefragt, was 68 gebracht hat. Die US-Bürgerrechtsbewegung - da sieht man mit Obama, was sie gebracht hat.


2. Dennoch wird die Wahl im November nicht nur in New York oder San Francisco entschieden, sondern auch im konservativen Mittleren Westen oder in den Südstaaten ...

Klar. Die Frage ist, ob er einen Teil der weißen Mittelschicht in diesen Staaten mobilisieren kann, ob die Menschen auch diesen Schritt gehen wollen.


3. Woher kommt diese Faszination für Obama, warum ist er zur Projektionsfläche für die Hoffnungen so vieler Menschen geworden?

Er steht für ein anderes Amerika, für ein Amerika, das weiterhin eine große Rolle spielen wird, aber multilateral und im Dialog.


4. Wird das so sein? Oder wird nicht auch er zumindest außenpolitisch Kontinuität walten lassen?
Der Bruch mit der neokonservativen Politik ist doch klar erkennbar. Für die Europäische Union bedeutet das, dass sie mehr Mitsprache, dass sie wieder ein stärkeres Gewicht auf der internationalen Bühne bekommt, wenn Obama gewählt wird.


5. Gleichwohl: Den Irak-Krieg wird auch Obama nicht so schnell beenden können.
Er muss einen geregelten Rückzug organisieren. Die Fehler der Bush-Administration auszubügeln wird seine Zeit brauchen. Das gilt für viele Politikfelder.


6. Interessant ist doch, wie Obama schon jetzt die Politik weltweit beeinflusst. Erheitert hat mich neulich zum Beispiel SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, der seinen darniederliegenden Genossen auf einem Parteitag den Obama-Slogan „Yes we can!" zurief ...
Das war überaus peinlich. Da zeigt sich: nicht jeder, der will, kann auch. Der SPD wurde damit nur überdeutlich signalisiert: Wir können es nicht. Die Zukunftszuversicht eines Obama funkelt doch auch bei Kurt Beck kein Stückchen. Bei Steinmeier übrigens ebenfalls nicht.


7. Was raten Sie der SPD?
Na, ich bezweifle, dass die meinen Rat hören wollen, aber tun wir zum Spaß mal so: Sie sollten Müntefering zum Kanzlerkandidaten machen. Der kann die alte SPD-Klientel noch mal zur Wahlurne schleppen, dann können sie es sich mit einem einigermaßen respektablen Ergebnis in der Opposition gemütlich machen und sich berappeln.


8. Was den Obama-Faktor angeht, sieht's in der deutschen Politik aber allgemein recht düster aus ...
Solche Charismatiker sind sowieso sehr rar. Wenn man sich Obama mal wegdenkt, wer bleibt denn dann, auch international? Berlusconi etwa oder Sarkozy? Dahinter kommen dann gleich Leute vom Schlage eines Gordon Brown oder Kurt Beck.


9. Zum Schluss der Sport: Die Fußball-EM läuft, und Ihr Parteikollege Omid Nouripour schlägt Ihnen in seinem EM-Blog (www.journalportal.de/em2008) eine Wette vor. Er sagt: Deutschland kommt weiter als Frankreich.
Wette angenommen, Frankreich kommt weiter als Deutschland.


10. Und wer gewinnt am Ende?
Frankreich natürlich. Wer wäre ich denn, würde ich etwas anderes behaupten?
Die Fragen stellte Nils Bremer