Der Alt-68er über die Fehler des konservativen Trainers Domenech, die Unersetzbarkeit Zidanes, Moslems, Migranten und brave deutsche Bübchen

15. Juni 2008

Ist ja alles abgekartet. Geht es nach Frankreichs Nationaltrainer Raymond Domenech, lassen die Holländer die Rumänen heute gewinnen, damit die Italiener und seine Franzosen rausfliegen. Glauben Sie auch an die böse Verschwörungstheorie, Herr Cohn-Bendit?

Was heißt da Verschwörung. Die Tschechen könnten eine Verschwörung wittern. Führen zwei-null gegen die Türken, kriegen keinen Elfer und verlieren dann noch. Hollands Coach van Basten wird sicher nicht so idiotisch sein, seine beste Mannschaft aufs Feld zu schicken, wenn er sie fürs weitere Turnier noch braucht. Würde Domenech aber auch nicht machen, wenn er zwei Mal gewonnen hätte. Jetzt sind die Franzosen halt blöd dran.

Weil Domenech der falsche Mann ist?

Er ist zu konservativ. Frankreich braucht einen modernen Trainer.

Einen wie Klinsmann?

Klinsmann ist überbewertet. Eher einen Trainer wie van Basten, einen, der weniger Tohuwabohu macht als Klinsmann. Einen wie Arsene Wenger, der beim FC Arsenal jungen Spielern die Möglichkeit gibt, sich zu entwickeln. Aber Wenger will nicht Frankreichs Nationaltrainer werden. Noch nicht.

So heisst es nun wohl erst einmal: Adieu les Bleus. Es droht der Abschied von der EM, aber auch von einer ganzen Ära, von einer grossen Spielkultur.

Es ist weiss Gott keine ästhetische Bereicherung. Domenech hat einfach auf eine spielerische Architektur gesetzt, die nicht mehr funktionierte. Die funktionierte nur mit Zinedine Zidane. Ohne ihn brach sie in sich zusammen. Es hat sich gezeigt, dass es Nonsens war, diese Architektur des letzten Jahrzehnts jetzt wieder zu übernehmen.

Dieses Jahrzehnt begann mit dem WM-Triumph 1998 gegen Brasilien.

Das war ein Triumph Zidanes. Die Brasilianer waren ehrfürchtig vor ihm, dem grossen Strategen. Wie er das Spiel an sich zog, das war irre. Frankreich vermisst ihn.

Trotz seines Ausrasters gegen Materazzi im WM-Finale 2006?

Das Ding ist vergessen. Wer ist im Leben nicht schon mal ausgeflippt. Es war nicht richtig, aber jeder kann sich vorstellen, dass man von einem Gegenspieler wie Materazzi mal die Nase voll hat und ausrastet. Auch wenn es nicht gut zu heissen ist. Frankreich hat Zidanes Abgang jedenfalls nie verkraftet. Genau, wie Deutschland lange brauchte, um Beckenbauers Abschied zu verarbeiten.

Als Zidanes legitimierter Nachfolger wurde bereits Franck Ribery gefeiert. Zu früh?

Man muss Ribery auch herausragen lassen. So wie er es bei den Bayern tut. Ribery wird sich freuen, wenn er wieder zu seinen Bayern darf.

Wo er als Publikumsliebling gefeiert wird. Seit Kohl und Mitterrand hat niemand mehr für die deutsch-französischen Beziehungen getan als er.

Na, übertreiben Sie mal nicht. Viel witziger finde ich aber in der Tat, dass ausgerechnet Ihr in Bayern einen Moslem liebt. Dieses erzkatholische Land, das sich so vor dem Islam fürchtet, kniet nieder vor einem Moslem, der vor jedem Spiel zu Allah betet. Das ist doch wirklich witzig. In diesem Punkt hat er viel getan.

Den Menschen die Angst vor den Moslems zu nehmen?

Ja. Das zeigt doch, dass die ganzen Debatten um den Islam deppert sind.

Ist da Frankreichs Fussball mit seinen Moslems und Migrantenkindern als Nationalspieler weiter als der deutsche Fussball?

Das ist er. Gerade auf die Einbürgerung von Migrantenkindern muss der deutsche Fussball viel mehr achten. Mein Sohn spielt in einem Verein, seit er acht ist, jetzt ist er A-Jugend. Da sehe ich, dass in den ganzen Mannschaften zwei Drittel Migrantenkinder sind. Das ist eine unheimliche Reserve an Spielerpotenzial, aber das hat der deutsche Fussball bisher verschlafen. Ein junger Türke, Italiener, Spanier, die müssen alle Lust bekommen, für Deutschland zu spielen.

Auch als Chance, um rauszukommen aus ihren schwierigen Lebensumständen?

Der Wunsch, Fussballprofi zu werden, um sozial aufzusteigen, ist in der Tat ein Motiv. Ein Thierry Henry, ein Lilian Thuram, auch ein Nicolas Anelka, der in einem ganz schwierigen Vorort von Paris aufgewachsen ist, oder Samir Nasri aus Marseille, sie alle leugnen ihre Herkunft aus den Banlieues nicht.

Jene Banlieues, über die Präsident Sarkozy in seiner Zeit als Innenminister einmal sagte, man müsse mit dem Hochdruckreiniger hindurch, um sie von dem Lumpengesindel zu säubern.

Ich bin weiss Gott kein Anhänger von Sarkozy, aber er ist nun einmal ein komplizierter Typ. Er ist ja kein Le Pen.

Aber einer, gegen den sich Thuram vehement wehrte, als er sagte, er komme auch aus der Vorstadt und fühle sich persönlich angegriffen durch Sarkozys Hetzkampagne.

Ich denke, selbst wenn Frankreich noch weit käme und am Ende Europameister würde, die Spieler würden mit Sarkozy einen Modus Vivendi finden. Wenn Sarkozy sie bei sich nach einem Finalsieg empfangen würde, dann werden sie ihm schon einen ironischen Seitenhieb verabreichen. Bei so etwas sind französische Spieler auch viel eigenständiger und selbstbewusster als deutsche. Die deutschen Spieler sind viel zu brave Bübchen. Sie müssten viel mehr sagen, was sie denken, was ihnen passt in ihrem Leben und was nicht. Disziplin bedeutet doch nicht, dass man um jeden Preis gehorchen muss.

Wenn wir von Disziplin auf politischer Ebene sprechen, dann waren die Iren vergangene Woche eher undiszipliniert mit ihrer Ablehnung des EU-Referendums. Kann eine Fussball-Europameisterschaft den Kontinent mehr einen als die Europäische Union?

Man muss aufpassen. Europa ist nicht die EU, im Fussball zählen auch die Türkei und Israel zu Europa, dann haben sie Nationen wie die Kroaten, die nicht in der EU sind, aber durch den Fussball sagen können: Wir sind wer. Auch wenn das leider leicht auch in übersteigerten Nationalismus kippt, wie bei ihrem Nationaltrainer. Aber wissen Sie, was mir gut gefällt an so einer Europameisterschaft?

Sagen Sie es.

Hier sind die Menschen nicht gegen etwas. Hier sind alle Europäer für etwas. Für schönen Fussball.