Sehen Sie eine neue Patriotismus- oder Nationalismus-Entwicklung in Deutschland, die bei dieser WM geschaffen oder ausgelebt werden wird?
Nein. Sollten die Deutschen Weltmeister werden, was ich nicht glaube, würde alle sagen: Es war ein Zusammenfügen von glücklichen Bedingungen. Keiner würde behaupten, dass die Deutschen die besten sind.
Aber bedenken Sie: Ein Wunder von Berlin. Ein Stoff aus 1001 Nacht.
Ach, weder würde sich ein übertriebenes Nationalbewußtsein entwickeln. Schon gar nicht würde die Arbeitslosigkeit behoben und alles toll in Deutschland. Und Merkel und Müntefering würde auch nicht plötzlich gut aussehen und charismatisch erscheinen.
Was will die Gesellschaft dann von und mit dieser WM?
Was es gibt, ist der Wunsch nach Party. Vor allem die Jugendlichen wollen gepackt und emotional begeistert werden. Sie sehen die WM als Party. Deshalb hat sich eine Multi-Identität entwickelt, um auf jeden Fall bis zum Finale am 9. Juli weiter Party machen zu können. Ich habe das Gefühl, dass die Leute deshalb so ein bißchen die Hände vor die Augen tun, wie kleine Kinder, die denken sie seien unsichtbar.
Warum?
Um sich nicht fragen zu müssen: Was ist mit den NoGo Areas? Wo werden sich die Hools eigentlich prügeln: Im Wald, in Bordellen, bei Public Viewings? Es gibt Alpträume, die man verdrängt. Gar nicht zu reden, von der Erinnerung an München 1972 und die Angst vor Anschlägen. Alle beten, dass die Welt vernünftig sein möge. Einschliesslich ich.
Zu wem beten Sie?
Zum runden Ball.
Tadeln Sie den Party-Wunsch?
Das Janusköpfige der deutschen Fußballwelt, das ist das interessante. Party feiern ohne Ende in Rothenburg an der Wümme oder Wangen im Allgäu mit Trinidad & Tobago oder Togo: Je schwärzer, umso schöner. Und auf der anderen Seite hast du NoGo Areas.
Welcher Kopf ist Deutschland?
Beides ist Deutschland. Es wäre fatal, wenn man nur das eine oder andere als das wahre Deutschland bezeichnen würde.
No Go ist im Osten.
Man hätte die Mannschaften im Osten unterbringen müssen.Was wäre, wenn Trinidad in Potsdam wäre und Angola in Wörlitz? Das hätte vielleicht die Stimmungen in diesen Gegenden verändert.
Sind Sie eigentlich diesmal für Deutschland?
Ich glaube, dass die Mehrheit der Deutschen in Deutschland für Deutschland ist. Es gibt den Wunsch nach Identifikation. Es handelt sich da aber nicht um ein ,Deutschland über alles', sondern um ein säkularisiertes und laizistisches ,Deutschland vor, noch ein Tor'. Ich denke, es handelt sich um ein normalisiertes Nationalgefühl. Bei den Einwanderern ist es freilich schon wieder anders.
Sind Sie für Deutschland?
Eins muss man verstehen: Man ist immer für die Mannschaft, mit der man aufgewachsen ist. Ich bin mit französischen Fußball aufgewachsen, mit Kopa, mit Fontaine.
...den Helden der später 50er Jahre...
... das hat mich geprägt. Es ist auch so, dass man mit einer Küche sozialisiert ist, das bestimmt die Grundstruktur deines Geschmacks.
Und wenn man mit den Förster-Brüdern aufgewachsen ist? Ist halt Schnitzelhans Küchenmeister?
Es war doch grade die Mischung, die Deutschland stark gemacht hat. Beckenbauer ohne Schwarzenbeck hätte nicht funktioniert. Die Förster-Brüder waren Symbol eines deutschen Fußballs, der auch erfolgreich war. Aber die Identifikation mit Nationalmannschaften ist längst durch den Alltag aufgeweicht. Die Anhänger des FC Bayern und von Ze Roerto oder Lucio wenden sich ja nicht nationalistisch ab, wenn die für Brasilien spielen. Für eine Nationalmannschaft sein, bedeute nicht mehr, gegen die anderen zu sein.
Das ist aber im Fantum genau so angelegt.
Das verändert sich. Ich glaube, wenn Schweinsteiger gegen Ronaldinho so einsteigt wie im Testspiel gegen die Japaner, dann hat er nicht die Sympathien der deutschenFans.
Wie finden Sie Klinsmann?
Berti Vogts sagte, Klinsmann sei kein herausragender Spieler gewesen, aber er könnte ein genialer Trainer werden. Er hat Recht. Klinsmann jammert nicht, riskiert viel, nimmt die Spieler mit und kann jederzeit die von Oldie wie Breitner diskutierten Sicherheitsvariante in sein Spiel reinholen.
Er will etwas gewinnen, er hat nichts mehr zu verteidigen?
Fachlich gesehen will er, dass die Verteidigung so weit wie möglich vor dem Tor ansetzt. Das ist vernünftig. Nur wenn sie schnell überwunden wird, hat man tatsächlich ein Problem. Aber bei dieser WM wird Deutschland, das Fußballteam nur dann etwas gewinnen können, wenn es etwas riskiert. Und Deutschland, das Land, wird nur etwas gewinnen, wenn es Reformen riskiert. Ich meine nicht neoliberale Reformen. Deshalb liegt Lafontaine so falsch: Weil er nichts riskiert. Und die große Koalition liegt falsch, weil sie nichts riskieren, und die FDP riskier tauch nichts.
Aber die Grünen liegen richtig?
Nein, die Grünen liegen auch falsch, weil sie auch nichts riskieren. Klinsmann hat etwas gewagt. Und das könnte mich fast zu einem Anhänger der deutschen Mannschaft machen.
Sie sind für Deutschland?
Ich sagte: Fast. Und ich bleibe dabei: Weltmeister wird Brasilien. Oder Frankreich.
Interview: taz