profi l: Mit welchen Gefühlen haben Sie den Wahlsieg von Obama verfolgt?
Cohn-Bendit: Ich war in Tel Aviv und bin die ganze Nacht vor dem Fernseher gesessen. Ich bin in Schluchzen ausgebrochen, als klar war, dass Obama Präsident wird.
profi l: Warum haben Sie geweint?
Cohn-Bendit: Weil das einer der Momente war, in denen die Geschichte Purzelbäume schlägt. Ich war 1963 in New York bei einer Beerdigung junger Weißer, die vom Ku-Klux-Klan umgebracht wurden, weil sie im Süden für die Bürgerrechte von Schwarzen eingetreten waren. Dass 45 Jahre später ein Schwarzer zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, ist für mich eine unglaubliche Leistung. Ich war auch in den USA, als er seine Grundsatzrede über die Rassenproblematik in den USA hielt. Die war so brillant, dass ich beim Zuhören ebenfalls Tränen in den Augen hatte. Dass jemand diesen geschichtlichen Wandel so bewusst und artikuliert darstellt, ist für mich beeindruckend.
profi l: Worauf wirft das ein Licht? Auf die amerikanische Gesellschaft oder auf eine sich ändernde Gesamtwelt?
Cohn-Bendit: Es wirft ein Licht auf die unglaubliche Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft. Die USA waren für viele der Lieblingsfeind. Heute ist diese amerikanische Gesellschaft „everybody's darling".
profi l: War die Ära George W. Bush nur ein Betriebsunfall?
Cohn-Bendit: Nein, das war die andere Hälfte Amerikas. Jetzt hat sich jenes Amerika durchgesetzt, das anders denkt und sich mit uns versöhnen will: mit den Europäern, den Linken und den Liberalen. Wir sind Zeugen einer Neugeburt des amerikanischen Traums mithilfe von Obama. Die Phase der Unilateralität ist beendet, die USA wollen - durchaus auch mit Führungsanspruch - wieder Teil einer multilateralen Weltgesellschaft sein.
profi l: Acht Jahre Bush haben Amerika in die internationale Isolation getrieben. Ist das wiedergutzumachen?
Cohn-Bendit: Ich glaube schon, dass das mit Obama möglich ist. Seine Wahl ist mit so vielen Erwartungen verbunden,dass alle diesen Wandel natürlich auch gern mitvollziehen wollen.
profi l: Bis dato wurde Amerika von weißen Männern geführt, jetzt ist ein Schwarzer Präsident. Was bedeutet das für die Welt?
Cohn-Bendit: Im Grunde ist dieses multikulturelle Amerika auch Ausdruck der Vielfalt in der Welt. Die Herrschaft einer weißen Gesellschaft ist mit der Wahl Obamas zwar nicht gebrochen, aber sie hat sich tiefgreifend verändert.
profi l: Wäre in Europa Ähnliches möglich? Sagen wir: ein türkischstämmiger Bundeskanzler in Deutschland oder ein Schwarzer als Präsident Frankreichs? Oder hinken wir in dieser Beziehung den USA hinterher?
Cohn-Bendit: Ich würde das anders formulieren: Erstens ist ein türkischer Schwabe kürzlich Vorsitzender der deutschen Grünen geworden. Das ist doch schon ein Schritt. Klar haben wir andere Voraussetzungen und andere Entwicklungen. Aber sicher ist, dass wir den europäischen Traum umdefi nieren oder neu entwickeln müssen, weil die Identität Europas als Einwanderungskontinent immer klarer zutage tritt. Wenn uns das gelingt, dann wird auch in einem europäischen Staat ein Einwanderer an die oberste Spitze des Staates gelangen können.
profi l: Die Bush-Regierung war fast ausschließlich auf den so genannten „Krieg gegen den Terror" fokussiert. Was bedeutet das für die Amtsführung von Obama?
Cohn-Bendit: Man kann die militärischen Auseinandersetzungen, in denen sich die USA befi nden, auch unter der Überschrift „notwendige Stabilisierung" betrachten. Aber mit einem „Krieg gegen den Terror" wird man beispielsweise Afghanistan nicht stabilisieren. Obama muss im Grunde genommen auch die Rolle Amerikas im „Krieg gegen den Terror" völlig neu definieren - gemeinsam mit den Partnern.
profi l: Ein anderer Punkt ist der Nahostkonflikt, der immer noch unlösbar scheint. Ist im Zusammenhang damit ein Schwenk der US-Politik denkbar?
Cohn-Bendit: Wenn Obama Erfolg haben will, wird er in irgendeiner Form Verhandlungen mit dem Iran führen müssen. Es ist eine der spannendsten politischen Fragen, ob er es schafft, aus der traditionellen amerikanischen Nibelungentreue zu Israel herauszutreten und sowohl Israel als auch Palästina gleichwertig zu behandeln. Damit könnte er die beiden aus ihrem Trott reißen und Fortschritte erzielen.
profi l: Sie machten vor einigen Jahren den Vorschlag, Israel solle die besetzten Gebiete aufgeben und im Gegenzug eine NATO-Mitgliedschaft erhalten.
Cohn-Bendit: Ja, man kann in diese Richtung weiterdenken: etwa, dass die israelische Armee in den besetzten Gebieten durch eine multinationale Truppe ersetzt wird. Ebenso wären im Gazastreifen panarabische Sicherheitskräfte denkbar, um die fatale Situation zu beenden, dass sowohl die Hamas als auch die Fatah dort um die Vorherrschaft ihrer jeweiligen Polizeieinheiten rittern.
profi l: Wie tief schätzen Sie die Weltwirtschaftskrise ein?
Cohn-Bendit: Ich glaube, das ist eine Mischung unterschiedlicher Krisen, und die wird sehr heftig. Vor uns liegen zwei harte Jahre, in denen sich entscheidet, in welche Richtung wir weitergehen wollen.
profi l: In den USA hat mit Obama vorerst die Linke gesiegt.
Cohn-Bendit: Ja. Und erinnern wir uns, dass der Sieg Clintons in den neunziger Jahren auch einen Linksruck in Europa verursacht hat.
profi l: Im Moment scheint es, als wäre der französische Präsident Nicolas Sarkozy der europäische Paradelinke - was ist da los?
Cohn-Bendit: Die europäische Linke ist weit entfernt von dem, was notwendig wäre. Es geht um Inhalte, und es geht um Personen, die diese Inhalte vertreten können. Wenn die Mischung stimmt, dann ist es effektiv. Wenn nicht, dann haben wir ein Problem.
profi l: Aber im Grunde müsste das, was derzeit passiert, doch Wasser auf die Mühlen aller möglichen Linken sein. Der Kapitalismus zeigt sein hässliches Gesicht.
Cohn-Bendit: Ja, aber wir hatten vergessen, dass wir die ganze Zeit über ein Gesicht des Kapitalismus vor uns hatten. Jetzt ist es besonders hässlich, besonders dumm und besonders dreist. Aber die Linke hat darauf keine Antwort.
profi l: Manche befürchten, dass Obama an den Herausforderungen nur scheitern kann: zwei Kriege, die Weltwirtschaftskrise...
Cohn-Bendit: Nein. Nur weil viele sagen, dass er es schwer hat, muss er nochlange nicht scheitern.
Interview: Georg Hoffmann-Ostenhof