Fussball ist nicht gerecht

Rund, April 2006

Wenn es nach Daniel Cohn-Bendit geht, heisst der nächste UEFA-Präsident nicht Franz Beckenbauer, sondern Michel Platini. „Dany le rouge“ erläutert ausserdem, was eine -verfehlte -Integrationspolitik Mit der krise des deutschen Fußballs zu tun hat. So viel Verve überrascht nicht, schließlich ist der Fussball für sein ganzheitliches Wohlbefinden sehr wichtig.

Interview Christoph Ruf und Tobias Schächter, Fotos Petra Kohl

Herr Cohn-Bendit, als sich am 13. Januar 1980 die Grünen in Karlsruhe als Partei konstituierten, sollen Sie im Frankfurter Ostpark Fußball gespielt haben.

Das kann gut sein. Der Grund war, dass ich noch nicht wusste, ob ich den Grünen überhaupt beitreten wollte. Ich habe oft schwer mit mir gekämpft habe, wenn samstags Veranstaltungen oder Parteitage waren. Fußball war schon immer für mein ganzheitliches Wohlbefinden wichtig.

Wie sind Sie fußballerisch sozialisiert?

Ich lebte als Jugendlicher in Paris, war aber Fan von Stade de Reims, dem großen alten Meister des französischen Fußballs. Später begeisterte mich St. Etienne, die Mannschaft aus der Arbeiterstadt mit Michel Platini. Ich selber habe bei CAP, einem kleinen Verein in Paris, gespielt und war oft im Prinzenparkstadion an der Porte d’Auteuil.

Heute haben Sie Ihren Lebensmittelpunkt in Frankfurt und sind begeistert vom Offensivfußball der Eintracht.

Luis Cesar Menotti hat mal gesagt, es gebe einen linken und einen rechten Fußball. Ich finde das auch: Sicherheitsfußball ist rechts, im linken Fußball ist noch ein bisschen Abenteuer, der Versuch, sich mit einem spielerischen Konzept durchzusetzen, also völlig Anti-Rehhagel. Ich war beim Endspiel der EM 2004 in Lissabon: Dass eine Mannschaft, die einfach nur klug verteidigt hat und nur eine Torchance hatte, am Schluss gewinnt, ist unfassbar. Ästhetisch ist das ein Problem. Rechts neben mir saß Karl-Heinz Rummenigge und sagte: So ist Fußball. Fußball ist nicht gerecht.

So wenig wie das Leben.

Aber wie im Leben kann man sich Gerechtigkeit erkämpfen. Dass Brasilien so oft Weltmeister geworden ist, ist schon gerecht.

Man kann das auch pragmatisch sehen. Griechenland hat das gespielt, was sie konnten.

Richtig. Aber wenn das die einzige Dimension des Fußballs wäre, würden die Leute bald die Stadien verlassen.

Den Sieg durch eine offensive Spielweise zu erreichen, soll also linken Fußball ausmachen?

Das Linke dabei ist, auf die Qualität und die Entwicklung der Spieler zu setzen, auf ein System, in dem sie ihre Qualität einbringen können. Und nicht ein System, in dem sich der Einzelne unterordnen muss. Bei Menotti muss man die Niederlage in Kauf nehmen, das Risiko eingehen. Nehmen wir das Endspiel des Confederations Cup, Brasilien gegen Argentinien. Die Argentinier waren gar nicht so schlecht. Aber das Risiko, das Brasilien gegangen ist, hat sich ausgezahlt.

Linker Fußball orientiert sich also am Individuum.

Linker Fußball ist dort, wo die Spieler durch ihre Qualität und dadurch, dass sie das Spiel lesen, das System entwickeln und sich nicht dahinter zurücknehmen müssen.

Was fasziniert Sie so am Fußball?

Fußball ist ein großer Gleichmacher. In den 70er Jahren waren in Frankfurt linke Intellektuelle oft in der Eintracht-Kurve anzutreffen, auch deshalb, weil sie glaubten, Gleiche unter Gleichen zu sein. Darum bin ich vom Fußball fasziniert. Er entwickelt seine eigene Dramatik. Wie beim WM-Halbfinale Deutschland gegen Frankreich 1982, als Maxime Bossis den letzten Elfer der Franzosen verschoss. Er war der einsamste Mensch der Welt, stand allein im Strafraum herum. Dann kam der kleine Littbarski und umarmte ihn. Das ist für mich eines der schönsten Bilder des Fußballs, da könnte man weinen.

Fußball funktioniert aber in den Fankurven vor allem über Polarisierung.

Ja, ja, das stimmt schon. Ich hatte schon Diskussionen mit meinem Sohn – der hat eine Dauerkarte bei der Eintracht – über diese verheerenden Sprüche in der Kurve. Er behauptet, dass er die rassistischen nicht mitmacht, die schwulenfeindlichen wohl schon. Das ist ein ständiges Thema, dabei ist Fußball ja eine Ansammlung von schwulen Begebenheiten, vom Massenküssen beim Tor, bis zum Verhalten unter den Fans. Nein, diese unglaubliche verbale Aggression möchte ich nicht runterspielen.

Mit der von Ihnen gegründeten Initiative „Allianz gegen Franz“ wollen Sie Franz Beckenbauer als neuen UEFA-Präsidenten verhindern und Michel Platini unterstützen. Warum?

Beckenbauer steht für die totale Kommerzialisierung des Fußballs. Er vertritt nur die Interessen der großen Klubs und der Fernsehanstalten, für die er ja auch arbeitet.

Platini gilt als Ziehkind Blatters, der die Kommerzialisierung, die Sie beklagen, fest im Fußball verankert hat.

Von Blatter hat sich Platini aber losgelöst und eine eigene Position entwickelt. Erst als Platini sagte, dass er Uefa-Präsident werden will, haben die großen Vereine, die großen Länder und unser Zwanziger gesagt, man müsse Platini verhindern. Erst so kam Beckenbauer ins Spiel. Aber wie kann man jemanden mit so einem Charisma wie Platini verhindern wollen?

Und ausgerechnet Platini steht für eine andere Politik?

Sie kennen ihn nicht. Ich kenne ihn gut. Platini prophezeit amerikanische Verhältnisse, in denen es keine Auf- und Abstiege mehr gibt. Was wir Europäer so schätzen, dass nämlich auch kleine Mannschaften eine Chance haben, geht mit Beckenbauer über die Wupper. Platini will Reformen. Bayern München soll weiter gegen Trondheim in der Champions-League spielen. Beckenbauer hingegen hat sich schon als Co-Kommentator im Fernsehen geärgert, dass seine Bayern gegen Teams wie Trondheim spielen müssen. Franz ist für mich der Vertreter der großen Vereine, der Werbung und der Fernsehanstalten.

Das Thema Doping umschiffen beide Kandidaten.

Und doch muss irgendetwas passieren. Es ist naiv zu sagen: Wir schaffen eine Welt ohne Doping. Das ist genauso naiv wie die Forderung nach einer drogenfreien Welt.

Wo sehen Sie das Problem?

Gerade jüngere Spieler verletzen sich ja, weil die Muskeln und Knochen diese hohe Belastung nicht aushalten. Ich wundere mich, dass man sich nicht wundert, wie viele Spieler ständig verletzt sind. Das werden doch immer mehr. Diese Belastungen fördern das Doping, da können die Leute reden, was sie wollen.

Was ist die Lösung?

Ganz einfach: weniger Spiele. Es muss festgelegte Obergrenzen bei den Spielen geben. Ich glaube einfach, man kann physisch und psychisch kein ganzes Jahr auf höchstem Niveau durchhalten. Das geht nicht.

Also was ist die Lösung?

Die Uefa könnte sagen: Aus gesundheitlichen Gründen darf ein Spieler nicht mehr als die Zahl X an Pflichtspielen pro Saison absolvieren. Man könnte sagen: Fußballer dürfen nicht mehr als siebeneinhalb Stunden im Monat in Pflichtspielen auf dem Platz stehen. Ich glaube, das wäre machbar. Es gibt in Europa eine Arbeitszeitrichtlinie für Kraftfahrer. Warum sollte man die nicht auch auf Profifußballer ausweiten?

Das klingt ein wenig naiv, denn die finanziellen Interessen der Klubs sprechen klar dagegen. Wenn sich ein Spieler verletzt, spielt eben ein anderer.

Irgendetwas läuft doch falsch und jeder spürt das, auch wenn die finanziellen Interessen dagegenstehen. Aber sehen Sie: Die ganze Theorie des Rotierens fußt doch auf diesen Überlegungen. Rotieren heißt ja nichts anderes, als dass nicht jeder Spieler immer hundertprozentig belastet werden kann. Das funktioniert natürlich am besten bei den Bayern, weil die das meiste Geld und den besten Kader haben.

Muss der Fußball moralischer sein als die Gesellschaft, in die er eingebettet ist?

Nein, aber warum sollte man nicht auch im Fußball moralische Ansprüche formulieren? Auch im Fußball sehen immer mehr Leute, dass etwas schief läuft. Immer mehr Menschen sagen Nein zu dem neoliberalen Dogma, dass man alles dem Markt überlassen muss. Sie haben gemerkt, dass dies eben auch nicht der Weisheit letzter Schluss ist.

Man hat den Eindruck, dass Fußball eine höhere Medienpräsenz besitzt als zum Beispiel die Arbeit im Straßburger Parlament. Stört Sie das als Europapolitiker?

Ach, nein, Sport ist im Kampf um Marktanteile unübertreffbar, besonders bei den elektronischen Medien. Die Live-Übertragung einer Steuerdebatte im Straßburger Parlament ist halt ein Quotenkiller, selbst gegenüber einem Bundesligaspiel der Eintracht gegen Duisburg. Aber welche Fernsehanstalt würde sich trauen eine Reportage über gesunde Ernährung und Doping machen? Das ist doch ein spannendes Thema.

Das Fernsehen gibt viel Geld aus für den Sport, um so an Werbekunden zu kommen. Außerdem heißt es bei den Sendern, Doping und Korruption seien Quotenkiller.

Da spielen natürlich wieder die wirtschaftlichen Interessen rein, für die Beckenbauer steht. Aber ich sage trotzdem: Die absolute Kommerzialisierung ist momentan nicht mehr so leicht durchzusetzen. Die Menschen halten die Werbung immer weniger aus. Das Rad ist überdreht. Dass haben die Fußball- und Medienmacher aber noch nicht verstanden, und das ist gefährlich.

Welche Leistung kann der Profifußball für das Thema Integration in einer Gesellschaft bringen?

Viele haben sich in letzter Zeit über mich lustig gemacht, weil ich 1998, als Frankreich Weltmeister wurde, gesagt habe, Frankreich sei bei der Integration weiter als Deutschland. Der Stolz auf Zidane, Thuram und Desailly wurde von der Mehrheitsgesellschaft geteilt. Was sich bei den Unruhen in den Banlieues zeigt, ist vor allem, dass dies alleine nicht genügt.

Was läuft schief in den Vorstädten?

Es gibt dort eine gelebte Desintegration. Vor allem Einwanderer aus Nordafrika und deren Kinder erleben permanent eine soziale Benachteiligung und finden sich plötzlich in Ghettos wieder. Hier hat die republikanische Integration ihre Grenzen erfahren.

Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen mischten sich auch Nationalspieler wie Liliam Thuram in die Diskussion ein.

In welchem anderen Land würden Spieler sich zu Wort melden, nachdem der Innenminister die Brandstifter in den Banlieues als „Gesindel“ bezeichnet hat? Thuram sagte: Ich bin schwarz und ich sage euch: Ich gehöre zum Gesindel. So wünsche ich mir auch fußballerische deutsche Staatsbürger.

Zidanes Eltern sind immer noch Algerier, Zidane wäre trotzdem wohl nie auf die Idee gekommen, für Algerien Fußball zu spielen.

In Deutschland war lange das große Problem das der Staatsangehörigkeit. Die Gesellschaft muss akzeptieren, dass sich das Bild des Deutschen verändert. In Frankreich ist es absoluter Konsens, dass Zidane Franzose ist. Das Leitmotiv der französischen Revolution, „Ihr werdet wie wir“, ist akzeptiert. Wenn jemand in Deutschland vom deutschen Fußball spricht, spricht er von Fritz Walter. In Frankreich sprechen sie von Kopa, der heißt Kopazewski, Platini oder Zidane – den Söhnen polnischer, italienischer und algerischer Einwanderer.

Dass Asamoah im Nationaltrikot aufläuft, ist also mehr als Symbolik?

Natürlich. Deutschland ist Fatih, Nando und Asamoah. Es ist doch symptomatisch, wenn plötzlich ganz Deutschland jammert, dass der junge Türke Nuri Sahin sich entscheidet für die Türkei zu spielen und nicht für Deutschland. Es wurde doch gesagt, der spricht besser Deutsch und eigentlich ist er Deutscher. Da hat sich doch was getan. Ob er aber die Tests in Baden-Württemberg oder Hessen bestehen würde, bezweifle ich sehr.

Sahin hat in einem bestimmten Bereich außergewöhnliches Talent. Aber was ist mit der Integration der weniger qualifizierten Türkischstämmigen? Das sind Hunderttausende.

Wenn die Nandos oder Sahins morgen auch für die deutsche Nationalmannschaft stehen, bedeutet das auch für die anderen, die nicht so gut Fußball spielen können, dass sie dazugehören und genau so gefördert werden müssen. Man kann nicht sagen, die Fußballer sind Deutsche und die weniger Begabten in Berlin-Kreuzberg sind keine Deutschen. Sie haben bei Jugendmannschaften zwei Drittel Migrantenkinder, vor allem in den Städten. Das heißt, der deutsche Fußball wird von unten her immer multikultureller. Meine ehrliche These ist: Einer der Gründe für die vielen so genannten mittelmäßigen Fußballer in der Bundesliga ist, dass man das Migrantenpotenzial noch nicht richtig erkannt hat, während die Klubs gleichzeitig ausgeklügelte Sichtungssysteme fürs Ausland entwickeln. Da besteht doch ein Widerspruch.

Über Integration scheint man hierzulande nur zu reden, wenn die Not groß ist. Die Schwäche der Nationalmannschaft ...

… nun ja, die Franzosen waren auch schwach, als Zidane und Thuram in die Nationalmannschaft kamen. In der Not gibt es einen Reformdruck, das ist immer so. Ich bin sicher: Der nächste Sahin wird für Deutschland spielen.