Wir widmen unsere Titelstory dem jüdischen Leben in Frankfurt. Judenfeindliche Tendenzen hier bei uns wachsen durch den Konflikt im Gazastreifen - sind Sie persönlich auch betroffen?
Persönlich empfinde ich keine solche Steigerung. Aber man sollte auch etwas vorsichtig sein - in Zeiten wie diesen wird die Reflexion solcher Tendenzen, vor allem durch Medien, doch arg verstärkt.
Obwohl Sie ein öffentliches Amt begleiten, verzichten Sie auf Personenschützer ...
Natürlich! Ich habe noch nie das Gefühl gehabt, Schutz dieser Art zu benötigen.
Vor einem Jahr forderten Sie im Plenum der EU, dass den Israelis und Palästinensern klargemacht werden müsse, dass man weder mit Kolo-nialpolitik noch mit Attentaten Fortschritte erzielt. Hat nicht viel ge--holfen ...
Das ist richtig. Viel geholfen hat es nicht. Aber deswegen bleibt die Aussage dennoch richtig. Die positiven Reak-tionen zu der vollkommen übertriebenen Gaza-Expedition der Israelis zeigen, dass die israelische Gesellschaft den Ernst der Lage nicht erkannt hat.
Welche Lage?
Die Lage, dass es mit der jetzt gewählten Regierung keine echten Friedensbemühungen geben wird. Wenn die Siedlungspolitik und die Besetzung des Westjordanlandes nicht endlich aufgegeben werden, steigt der Hass der Palästinenser noch weiter.
Jetzt soll die Hamas mit dem Scheckheft der Weltgemeinschaft besiegt werden ...
Die Hamas ist die gewählte Regierung. Sie auszuschließen wird zu nichts führen. Das menschliche Leid in Gaza muss beendet werden. Das wird nur mit der Hamas funktionieren - nicht gegen sie. Jahrelang hat man den Ausschluss der Hamas betrieben. Und was ist passiert? Sie ist stärker denn je! Simple schwarz-weiße Ausschlusspolitik hat noch nie funktioniert, Nicht im Nahen Osten, nicht in Afghanistan und auch nicht hier bei uns.
Eine Umfrage des Frankfurter Sigmund-Freud-Insti-tuts ergab, dass 20 Prozent der Befragten die Juden für die zentralen Konflikte in der Welt verantwort-lich machen. Solche Vorurteile scheinen nicht aus-zumerzen zu sein?
Damit müssen die Juden leben. Was denken Sie, was die Zahlen sagten, fragte man nach der Schuld der Muslime? Die wäre sicher nicht geringer. Solchen Anfeindungen muss man mit aufklärenden Gesprächen begegnen.
Salomon Korn sagt in unserer Titel-story, dass Israel, da es von Diktaturen umgeben ist, nicht immer die Möglichkeit hat, im Rahmen des Völkerrechts zu agieren. Schüren solch gewagte Aussagen nicht die eben angesprochenen Vorurteile?
Das ist eine Selbstlegitimierung, die traurig stimmt. Korns Aussage ist grundfalsch! Internationales Recht und Menschenrecht darf nicht an der Frage der Gegner definiert werden. Für die Art des Angriffs auf Gaza gibt es überhaupt keine Legitimation.
Aber seit mehr als drei Jahrzehnten versuchen wir als Weltgemeinschaft, im Nahen Osten Frieden zu schaffen - ohne wirklichen Erfolg ...
Wir versuchen nicht, Frieden zu schaffen, sondern wir, beziehungsweise die Israelis, halten einen Teil Jordaniens und den Gazastreifen besetzt. Mit unserer Unterstützung.
Die Fragen stellte Boris Tomic