Die EU-Spitze wurde neu bestimmt, doch Sie haben sich nicht zufrieden gezeigt. Wer wären denn die besseren Kandidaten gewesen?
Als Präsidentin wäre die Lettin Vaira Vike-Freiberga ideal gewesen und beim Außenminister hätte es gleich mehrere Optionen gegeben: Joschka Fischer, der schwedische Außenminister Carl Bildt … das Problem ist doch, das Catherine Ashton keinerlei außenpolitische Erfahrung hat. Wie soll die denn mit Leuten wie Berlusconi oder Sarkozy fertig werden?
Der Welternährungsgipfel ist grandios gescheitert …
Ach, dieses Gipfelhüpfen wird immer lächerlicher. Der reichere Teil der Welt muss sich dem anderen endlich mal stellen. Westerwelle hätte ein Zeichen setzen können, wenn er nach Rom gereist wäre.
Droht das gleiche beim Klimagipfel?
Die werden schon alle kommen. Bleibt die Frage nach dem Ergebnis. Wird es eine politische Erklärung geben, den Kohlendioxid-Ausstoß bis 2020 um 30 Prozent zu senken? Und wird die EU den ärmsten Ländern 35 Milliarden zur Unterstützung gegeben?
Ihre Einschätzung?
Ich bin ein bekennender Optimist, aber auch ein philosophischer Skeptiker.
Blicken wir nach Frankreich: dort sind die Atomkraftwerke marode, Strom muss eingekauft werden. Erklären Sie uns doch mal die Amour fou mit dem Atom!
Komplizierte Sache, das reicht zurück bis ins Jahr 1940, als die Maginotlinie von den Deutschen gebrochen wurde – die größte Kränkung Frankreichs bis heute. Die Antwort war der Aufbau einer Atommacht, die nukleare Selbständigkeit wurde von Gaullisten, Kommunisten und später Sozialisten unterstützt. Das ist tief verwurzelt.
Ein Sitz im Vertriebenenbeirat bleibt erstmal vakant, die umstrittene Erika Steinbach hat die Entscheidung vertagt. Auch keine Lösung, oder?
Na, da kann der große Zampano Westerwelle mal zeigen, was er so drauf hat. Immer nur das Schmusepärchen mit Merkel geben, reicht nicht.
Zur hiesigen Wirtschaft: Binding bleibt in der Stadt …
… was mir Jacke wie Hose ist …
… und Suhrkamp geht nach Berlin. Ein Verlust?
Der Verlag war ein Wahrzeichen für Frankfurt. Wie die Entscheidung zustande kam, verschließt sich mir, aber die Suche nach Nähe zu einem kreativ-künstlerischen Berlin wird nichts besser machen. So funktioniert Literatur nicht.
Der Fußball überraschte mit einem vollen Stadion für einen verstorbenen Torhüter. Nachzuvollziehen?
Das Auffahren des Sarges von Robert Enke im Stadion war unmöglich. Ansonsten ist die Trauer verständlich: die Helden sind doch keine Helden.
Bei unserem letzten Gespräch, sagten Sie bereits, dass der psychische und physische Druck im Profi-Fußball sehr hoch sei.
So ist es auch, da darf nichts dazukommen, was die Situation verschärft. Man denke nur an die zehn bis zwanzig schwulen Fußballer in den ersten Ligen, die Angst haben, geoutet zu werden. In England gab es einen Selbstmord aus diesem Grund bereits. Das kann hier auch passieren.
Zur Eintracht: die sucht noch eine Sturmverstärkung.
Ich bin leider verletzt, wurde gerade an der Hüfte operiert. Die sollen mich nach der Reha nochmal fragen.
Die Fragen stellte Nils Bremer