Beginnen wir mit Fußball

Journal Frankfurt vom 23. März 2010

Der PflasterStrand-Gründer und heutige EU-Parlamentarier Daniel Cohn-Bendit nimmt alle 14 Tage im Journal Frankfurt zur Lage der Nation im Allgemeinen und zur Lage der Stadt Frankfurt im Speziellen Stellung. Spontan am Telefon und natürlich nicht ohne ein Augenzwinkern...



Beginnen wir mal zur Abwechslung mit Fußball: Real Madrid ist zum sechsten Mal im Achtelfinale der Champions League ausgeschieden. Ein gutes Beispiel, dass Geld im Fußball nicht alles ist, oder?

El País hat getitelt: „Siege kann man nicht erkaufen, man muss sie sich erkämpfen.“ Der Ball ist rund, ein Spiel dauert 90 Minuten plus Verlängerung. Und wenn es im Fußball nur ums Geld ginge, dann würde er uns doch nicht mehr interessieren.

Bei der Eintracht fragt sich Altintop gerade, ob er ab Sommer noch Geld bekommt. Dann endet sein Vertrag. Sollte er verlängert werden?

Das sollte er. Doch Altintop wird erst zur vollen Wirkung kommen, wenn es neben ihm einen zweiten Stürmer gibt. Den braucht er.

Zur deutschen Regierung: Eigentlich wollte ich mit Ihnen nicht mehr über Westerwelle reden, aber nun macht er auf seinen Reisen das Private politisch …

Sie wissen ja, dass ich ihn nicht so sehr mag. Was sollte mir denn anderes einfallen als Häme und Spott? Nein, diesmal überlasse ich es den Medien, sich um ihn zu kümmern.

Dann kommen wir zurück aufs Geld. Die deutschen Staatsschulden sind auf 1,69 Billionen Euro gestiegen …

… und allein im Jahr 2009 um 7,1 Prozent, das ist eine noch dramatischere Zahl!

Brauchen wir einen Schulden-Erlass?

Wir zahlen das Geld ja zurück, nicht zuletzt über die Zinsen. Dazu kommt, dass das Investitionsbedürfnis groß ist. Deswegen muss es eine grundsätzliche Diskussion geben, wie die Staatsfinanzen künftig organisiert werden sollen. Schwierig in einer Krise.

Zu einem unerfreulichen Thema: dem Missbrauch von Schülern an der Odenwaldschule. Die haben Sie auch besucht. Ist Ihnen etwas aufgefallen?

Schwierige Frage. Ich habe mich mit Mitschülern unterhalten. Es sagt keiner: Seien wir ehrlich, bei uns gab es das auch. Aber hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht.

Nun betreibt die Schule Aufklärung. Meint sie es ernst?

Man muss ehrlich sagen, dass sie von den Schülern praktisch dazu gezwungen wurde. Das ist auch legitim. Nun gilt es herauszufinden, ob es die Struktur der Schule ist, die den Missbrauch begünstigt hat. Das ist gewiss nicht einfach. Schlimm wird es nur, wenn man, wie es die FAZ derzeit tut, den pädagogischen Ansatz zum Ursprung des Übels macht.

Laut Bischof Mixa tragen ja die 68er mit ihren libertären sexuellen Vorstellungen Mitschuld …

Und am Missbrauch im Mittelalter sind auch die 68er Schuld, schon klar. Aber ich will noch eines sagen: Am weitesten verbreitet ist der Missbrauch in Familien. Schaffen wir deswegen die Familien ab? Meiner Meinung nach muss man sich in den Schulen nicht nur Zeit für Aufklärungsunterricht nehmen, sondern auch offen über Misshandlungen und sexuellen Missbrauch reden. Dann sollte es eine bundesweit einheitliche Telefonnummer geben, unter der sich Betroffene anonym melden können.

Die Schule will dieses Jahr ihr hundertjähriges Bestehen feiern. Werden Sie hingehen?

Ich weiß es nicht. Es soll eine Diskussion geben. Mit Amelie Fried habe ich kurz gesprochen, die will nur daran teilnehmen, wenn der Missbrauch Thema wird. Das ist auch meine Meinung. Vielleicht wäre die Schule gut beraten, ihre Feier um ein Jahr zu verschieben, bis sich die Lage wieder etwas beruhigt hat.

Die Fragen stellte Nils Bremer