Ihre Gegner sind also dieselben geblieben?
Heute wie damals ist das Problem, dass die Konservativen sehr viel Angst haben. Vor 40 Jahren haben wir jungen Rebellen viel Schwachsinn von uns gegeben. Aber das konservative Establishment hatte wahnsinnige Angst davor Macht zu verlieren. Und diese Angst produzierte Rachegefühle, die bis heute - 40 Jahre danach - nicht gestillt wurden. Einige Konservative sprechen von damals, als hätten wir heute dieselben Probleme.
Warum existiert diese Angst beim Gedanken an 68, auch nach dem Ende des kalten Krieges?
Weil damals im Zentrum unserer Reflexionen etwas stand, was immer problematisch ist: nämlich die Machtfrage, wer kommandiert und wer nicht. Die Konservativen denken immer, dass Ihnen die Macht "qua se" zusteht: Sarkozy, Berlusconi, Bush, Putin oder die chinesische KP, alle denken so. Die 68er Bewegung hat die natürliche Machtordung in Frage gestellt und gefordert dass man in der Politik diskutieren soll und muss.
Ist das die "Message" der 68er Bewegung, die heute noch gültig ist?
68 ist vorbei! Man kann die heutige Gesellschaft nicht mit der in den 60er Jahren vergleichen. Eines der zentralen Anliegen der Protestbewegung - die Autonomie des Individuums - hat sich in der Gesellschaft durchgesetzt. Das Konzept der Freiheit des Individuums, sich alle sozialen und sexuellen Freiheiten zu nehmen ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Heute leben wir in einer libertären und freien Gesellschaft. Dieses Gesellschaftskonzept ist aber auch nicht überall übernommen worden: zum Beispiel nicht in der Kirche.
Aus der Sicht eines 68ers ist Ratzinger anders als Wojtyla?
Karol Wojtyla lebte in einem Widerspruch. In seinem Kampf um mehr Freiheit war er den polnischen 68ern wie Adam Michnik sehr nahe; er akzeptierte aber nie die emanzipatorische Dimension der 68er im Privatleben. Ratzinger dagegen hat sich nie in seinem Leben auf der Seite junger Revoluzzer befunden. Die Institution Kirche hat noch so eine Art Revolution vor sich. Die katholische Kirche, wie der Islam und andere Religionen müssen die Errungenschaften moderner Gesellschaften akzeptieren. Dies ist eine unangenehme Wahrheit für Buttiglione oder die amerikanischen Neocons, aber es ist nun mal so!
Hat 68 die Gesellschaft in Deutschland mehr verändert als andere Gesellschaften?
Irgendwie schon. Die deutschen 68er - vielleicht nicht alle - haben ihre Beziehung zu den Institutionen und der Demokratie neu definiert, obwohl sie ihre Vergangenheit nicht bereut haben.
So wie Sie und Joschka Fischer?
Zum Beispiel. Wir haben 68 mit Hannah Arendt konjugiert.
Aber dann kam der konservative Backlash: De Gaulle, USA, Italien. Die Studentenrevolte als grosser Verlierer? 68 - eine besiegte aber Früchte tragende Revolution, so wie 56 in Ungarn, 68 mit Michnik in Warschau oder 68 in Prag?
Nein, denn 68 war keine Revolution, sondern eine Revolte. Wer aber 68 nicht Bezug nahm auf Hannah Arendt rutschte in den Terrorismus ab. Die 68er haben auch eine politische und moralische Verantwortung für den Terrorismus. In jeder Revolte steckt eine autoritäre Seite - gefährlich, da undemokratisch. Es ist absolut wichtig sich daran zu erinnern, um unsere damalige Bewegung auch mit ihren positiven Seiten aufzuarbeiten.
Was an 68 weinen Sie nach oder was bedauern Sie?
Bedauern ist der falsche Begriff in dieser Debatte. Lasst uns danach fragen was wir gelernt haben. Nämlich dass eine Dialektik zwischen sozialen und kulturellen Bewegungen auf der einen Seite und der Politischen Demokratie auf der anderen Seite unabdingbar ist. Und dass die Bewegung an dem Widerspruch zwischen libertärem Drang und totalitären Ideologien litt. Stellen Sie sich mal vor: für eine freie Gesellschaft kämpfen im Namen der chinesischen Kulturrevolution, im Namen des kubanischen Totalitarismus oder im Namen der nordkoreanischen Diktatur?
Unverzeihlich?
Nein, der Fehler war zu glauben, dass es eine Revolution war, obwohl es nur eine Revolte war. Die Bewegung hatte viele Gesichter. Zum Teil war sie sogar zu realistisch. Die Revolte hat die Gesellschaft verändert. Daher hat sie als Revolte nicht verloren. Wenn man das aber als Revolution betrachtet hat sie verloren und musste auch verlieren. Aber ich betone nochmals: es war keine Revolution. Und zum Teil wurde unsere Gesellschaft reformiert und eine neue Form des Selbstbewusstseins wurde an uns herangetragen.
Wer sind die Erben? Die Globalisierungsgegner?
Alle können sich auf 68 berufen. Oder viele. Globalisierungsgegner stellen wichtige Fragen, aber sie riskieren dieselben Fehler zu begehen wie wir damals: eine eindimensionale und totalitäre Ideologie die sich in Radikalismus wandeln kann.
Was ist Ihre schönste Erinnerung?
Als ich nicht mehr nach Frankreich durfte und in Paris tausende von Menschen auf die Strasse gingen, Franzosen und Nicht-Franzosen, Juden und Nicht-Juden, Kommunisten und Katholiken, Atheisten und Muslims und alle riefen: "Wir sind alle deutsche Juden!" Das war einer der schönsten Momente!
Und was ist Ihre schlimmste Erinnerung?
Als während der Demo der stillen Mehrheit für De Gaulle Rechte auf dem Champs-Elysee schrieen: "Cohn-Bendit nach Dachau". Intoleranz gab es auf beiden Seiten. Das vergisst man heute leider oft. Nicht zufällig. Die anti-68 haben heute wie damals dieselbe Furcht vor Entwicklungen, die sie nicht kontrollieren können. Daher gewisse Anfeindungen, wenn man dieser Revolte gedenkt.
INTERVIEW: ANDREA TARQUINI