MAZ: Nimmt die EU entschieden genug Stellung gegen Peking? ´
Daniel Cohn-Bendit: Europas Außenpolitik ist zahnlos. Man hat Angst vor der eigenen Courage und gibt sich entsetzt, aber es soll so weitergehen wie bisher. Aber das reicht nicht. Jetzt muss man die Olympischen Spiele ins Zentrum der Auseinandersetzungen stellen.
Was heißt das konkret?
Cohn-Bendit: Es gibt eine olympische Charta, in der die Menschenrechte verankert sind. Jetzt muss die internationale Gemeinschaft prüfen, ob das Verhalten der Führung in Peking in Tibet und in China dieser Charta entspricht. Die Antwort dürfte angesichts der Bilder aus Tibet klar sein.
Sie fordern einen Boykott der Olympischen Spiele?
Cohn-Bendit: Diese Frage stellt sich, ja. Ein anderer Weg wäre das Umfunktionieren der Spiele. Es darf nicht nur gelaufen, geschwommen und gesprungen werden, man muss auch über Menschenrechte diskutieren. Wenn das jeder Besucher, Politiker, Sportler, Funktionäre, Journalist als seine Verpflichtung ernstnehmen würde, könnten alle zu Botschaftern der Demokratie werden.
Wirtschaftliche Sanktionen halten Sie nicht für sinnvoll?
Cohn-Bendit: Die funktionieren schon deshalb nicht, weil Europa selbst ein viel zu großes Interesse daran hat, seine Maschinen, Kraftwerke und Industriegüter in China zu verkaufen. Ein Wirtschaftsboykott würde also eher uns treffen als Peking.
Europas heimlicher „Außenminister“ Javier Solana will zu den Olympischen Spielen zu fahren.
Cohn-Bendit: Was will er denn dort? Will er laufen? Springen? Schwimmen? Wenn er sich das bekannte T-Shirt überzieht, auf dem die fünf olympischen Ringe mit Handschellen gezeigt werden, und so in Peking auftritt, dann macht das Sinn. Im Ernst: Er muss aktiv deutlich machen, dass Europa diese Linie der chinesischen Führung strikt ablehnt.
Was könnten die Sportler aus aller Welt tun?
Cohn-Bendit: Sie sollten sich klarmachen, dass an den Spielen das Blut all derer klebt, deren Wunsch nach Freiheit brutal niederknüppelt werden. Wollen Sie wirklich Medaillen um den Hals, aber blutdurchtränkte Sportschuhe haben?